Das Phänomen Datenökonomie bringt Chancen, Herausforderungen und Risiken mit sich. Wenn im Zuge der Digitalisierung in zunehmendem Maß Daten verfügbar gemacht und verarbeitet werden, mit welchen Konsequenzen müssen wir dann mit Blick auf Marktmacht, Verbraucherschutz, Urheberrecht und Regulierung rechnen? Und wie sieht das Verhältnis des Einzelnen zu großen Unternehmen in der neuen Datenökonomie aus? Um diese Fragen ging es bei der Podiumsdiskussion, die sich an den Vortrag von Prof. Hal Varian, Ph.D. in der Veranstaltungsreihe Wirtschaftspolitik aus erster Hand am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am 23. Juni 2017 in Mannheim anschloss.

Debattierten auf dem Podium (v.l.): Steven Tadelis, Hal Varian, Moderator Martin Peitz und ZEW-Präsident Achim Wambach.
Debattierten auf dem Podium (v.l.): Steven Tadelis, Hal Varian, Moderator Martin Peitz und ZEW-Präsident Achim Wambach.

Neben Google-Chefökonom und US-Wissenschaftler Varian saßen ZEW-Präsident Achim Wambach, PhD und Prof. Steven Tadelis, PhD, Vizepräsident für die Sparte „Economics and Market Design“ beim US-Online- und Versandgiganten Amazon sowie Professor an der University of California, Berkeley, auf dem Podium. Moderiert wurde die Debatte von Prof. Dr. Martin Peitz, Fachmann für Angewandte Ökonomik an der Universität Mannheim und einer der Direktoren des „Mannheim Centre for Competition and Innovation“ (MaCCI), einer gemeinsamen Initiative von ZEW und Universität Mannheim. Peitz lenkte die Diskussion zu Beginn direkt auf die Frage, welche großen Veränderungen auf die Gesellschaft in den nächsten Jahren zukommen, wenn Daten bei der Wertschöpfung eine immer größere Rolle spielen.

„Daten sind ein Wachstumsfaktor“, machte Tadelis die Dimension der Veränderung deutlich, „das werden wir vor allem im Gesundheitswesen sehen.“ Der Hebel dieser Entwicklung sei der demographische Wandel. In der Debatte um die Relevanz der Erfassung von Patientendaten im Gesundheitssektor sei es allerdings nicht nötig, alarmistische Töne anzuschlagen. „Im historischen Vergleich hat sich unser Lebensstandard dank der Modernisierung in den vergangen ein- bis zweihundert Jahren erheblich gebessert“, betonte Tadelis, der sich ausdrücklich als Wissenschaftler und nicht als Amazon-Repräsentant äußerte. Diese Historie sei für die Zukunft der beste Prognosemaßstab.

Die Digitalisierung verändert Arbeitsinhalte ohne Jobs zu ersetzen

ZEW-Präsident Achim Wambach warf ein, dass es auf die betrachtete Zeitspanne ankomme. „Vor hundert Jahren hatte die arbeitende Bevölkerung Angst, dass der Fortschritt ihnen den Arbeitsplatz stiehlt.“ Heute komme es sogar mehr als zuvor darauf an, dass Arbeitnehmer/innen flexibel seien mit Blick auf den technologischen Wandel. Dabei gelte es jedoch zu differenzieren.

Eine Studie der Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne komme beispielsweise zu der Einschätzung, dass 47 Prozent aller Beschäftigten in den USA und 42  Prozent  der Beschäftigten in Deutschland in den nächsten zehn bis 20 Jahren durch die Automatisierung gefährdet seien. Wissenschaftler des ZEW hingegen stellten in ihrer Forschungsarbeit darauf ab, dass die Digitalisierung vielmehr Arbeitsinhalte verändere ohne zwangsläufig Arbeitsplätze zu ersetzen, erläuterte der ZEW-Präsident. Demnach hätten also in den USA nur neun Prozent und in Deutschland zwölf Prozent der Arbeitsplätze Tätigkeitsprofile mit einer relativ hohen Automatisierungswahrscheinlichkeit. „Das Positive daran ist, dass durch diese Veränderung voraussichtlich mehr Raum für Kreativität am Arbeitsplatz entsteht“, sagte Wambach. Allerdings sei nicht zu leugnen, dass es auch Verlierer auf dem Arbeitsmarkt geben werde. Wer diese Verlierer sind, wollte Martin Peitz von den Diskutanten wissen.

Mensch versus Maschine

Hal Varian trat in der Sache auf die Bremse: „Selbst einige der simpelsten Arbeiten, die Menschen ausführen, sind für Roboter nur schwer umzusetzen.“ Sein Beispiel: Äpfel pflücken. Der Mensch sei im Vergleich zur künstlichen Intelligenz in der Lage, das Pflücken eines Apfels mit allen Sinnen haptisch wahrzunehmen. Für die Robotik stelle das noch eine Herausforderung dar. Mittel- bis langfristig sei damit zu rechnen, dass auch Beschäftigte im Niedriglohnsektor noch von Einkommenszuwächsen profitieren könnten.

In die Debatte schaltete sich das Publikum mit Fragen ein: Macht Datenökonomie auch eine Art Datensteuer nötig? Wie lassen sich die Bedingungen für Dateninvestition von Unternehmen verbessern? Braucht es ein bedingungsloses Grundeinkommen angesichts der Automatisierung der Arbeitswelt? Und wenn der technologische Wandel tatsächlich Jobs frisst, wie soll dann in Zukunft dem weltweit sinkenden Produktivitätswachstum begegnet werden? Grundlagen genug für weiteren Diskussionsbedarf, wie sich am Ende der Veranstaltung zeigte.