2009 war für die weltweite Automobilindustrie ein Krisenjahr. Viele Hersteller kämpften um ihr Überleben, staatliche Rettungspakete mussten geschnürt, verlustreiche Marken eingestampft und Abwrackprämien gegen den dramatischen Absatzrückgang aufgelegt werden. Mit welchen Strategien sich speziell die deutschen Autobauer für die Zukunft wappnen, erläutert Dr. Christian Rammer, stellvertretender Leiter des Forschungsbereichs Industrieökonomik und Internationale Unternehmensführung am ZEW.

Dr. Christian Rammer ist stellvertretender Leiter des Forschungsbereichs Industrieökonomik und Internationale Unternehmensführung am ZEW. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Innovationsökonomik und der Wissenstransfer zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Rammer leitet die jährliche Innovationserhebung des ZEW (Mannheimer Innovationspanel) und erstellt die ZEW-Beiträge zu den Themen Innovation und Gründungen für den jährlichen Bericht der "Expertenkommission Forschung und Innovation" der Bundesregierung. Neben seinem Engagement in verschiedenen wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaften berät Rammer unter anderem die Europäische Kommission zu Fragen der Innovationspolitik.

Weltweit ordnet sich die Automobilindustrie neu. Gehören die deutschen Autobauer eher zu den Gewinnern oder eher zu den Verlierern dieser Neuordnung?

Rammer: Für die nächsten Jahre sind die drei großen deutschen Autokonzerne – VW, Daimler und BMW – gut aufgestellt. Mit ihren Marken Mercedes, Audi, BMW und Mini sind die Hersteller im Premiumsegment weltweit führend und genießen eine hohe Reputation. Dieser Reputationsvorsprung konnte bislang von keinem anderen Autobauer eingeholt werden. So konnte selbst Toyota mit dem Lexus trotz hoher technologischer Ansprüche und intensiven Marketings nur geringe Marktanteile erringen. Das Premiumsegment verspricht auch mittelfristig überdurchschnittliche Wachstumsraten. Denn mit steigenden Einkommen wächst die Nachfrage nach prestigeträchtigen und hochwertig ausgestatteten Fahrzeugen überproportional. Ich erwarte daher mittelfristig für die deutschen Premiumhersteller eine positive Entwicklung.

Vor welchen Herausforderungen steht die Autoindustrie in den nächsten Jahren und wie können die deutschen Hersteller diese meistern?

Rammer: Eine große Herausforderung für alle Autohersteller – nicht nur die deutschen – besteht darin, die hohen Qualitätsstandards moderner Autos mit einer deutlichen Verringerung des Energieverbrauchs und damit der Umweltbelastung zu kombinieren. Dies bedeutet letztlich kleinere Fahrzeuge, die dieselben Komfort- und Sicherheitsansprüche erfüllen. Gerade für die Premiumhersteller stellt dies eine enorme Anforderung dar, die weit über die Frage von Antriebs- und Materialtechnologien hinausgehen. Hier sind gänzlich neue Fahrzeugkonzepte notwendig. Die Kopplung von Qualität und Leistungsfähigkeit eines Fahrzeugs mit der Motorisierung muss gelöst werden. All das erfordert nicht nur sehr hohe Anstrengungen bei Forschung und Entwicklung, sondern auch neue Marketingansätze.

Eine zweite große Herausforderung ist die Anpassung der Modellpalette an die neuen Märkte in China, Indien oder Lateinamerika. Klima, Infrastruktur und Mobilitätsverhalten sind dort deutlich anders als in den Industrieländern. Außerdem sind die Durchschnittseinkommen erheblich niedriger. Dies bedeutet, dass neue Fahrzeugtypen entwickelt werden müssen, die kosteneffizient produziert werden können und an die lokalen Anforderungen angepasst sind. Dies legt nahe, sowohl die Produktion als auch die Entwicklung in den neuen Märkten anzusiedeln. Dies bedeutet, dass mittelfristig sowohl Produktionszahlen wie FuE-Ausgaben in den neuen Märkten stark wachsen werden. Für die bisherigen Hauptproduktionsstandorte in Westeuropa, Nordamerika und Japan ist zu erwarten, dass die Produktionszahlen wohl nicht mehr über das Niveau hinausgehen werden, dass zum Ende des vergangenen Booms, das heißt Mitte 2008, erreicht worden war.

Kurzfristig müssen darüber hinaus alle Autohersteller mit den hohen Überkapazitäten, die in den Jahren 2006 bis 2008 aufgebaut wurden, umgehen. Eine Verringerung der Fertigungskapazitäten an den Hauptproduktionsstandorten ist angesichts der stark gefallenen Auslastung unvermeidbar. Dies muss aber nicht die Schließung ganzer Fabriken bedeuten. Neben der flexiblen Nutzung von Arbeitszeitverkürzungsmaßnahmen wird es auch darum gehen, Produktionskapazitäten temporär stillzulegen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass diese bei anziehender Nachfrage kurzfristig wieder zur Verfügung stehen.

Auf welche Strategien setzen die deutschen Autobauer, um sich gegenüber alten Schwergewichten wie etwa Toyota oder Ford und auch gegenüber neuer Konkurrenz – vornehmlich aus China und Indien – durchzusetzen?

Rammer: Zuallererst müssen sie den Rückstand bei umweltfreundlichen und energiesparenden Antriebstechnologien aufholen. Diese Hausaufgabe ist den deutschen Autoherstellern bekannt. Folglich investieren sie trotz verschlechterter Finanzlage weiterhin in steigendem Umfang in die Entwicklung neuer Technologien.

Eine darüber hinausgehende strategische Antwort könnte sein, vermehrt Fahrzeuge zu entwickeln, die stärker nach den unterschiedlichen regionalen Marktgegebenheiten differenziert sind. Damit könnten die Hersteller schneller auf Marktänderungen reagieren und die Marktpotenziale in einzelnen Regionen besser nutzen. Dies würde jedoch große Umstellungen in Entwicklung und Produktion bedeuten. Denn bisher versorgen die deutschen Autohersteller den Weltmarkt noch überwiegend von ihren europäischen Produktionsstandorten aus. Erforderlich wäre eine kluge Kombination von Plattformtechnologien mit einem dezentralen technischen Design und die Kooperation mit Herstellern aus den einzelnen Hauptabsatzregionen.

Datum

14.01.2010

Kategorie
Schlagworte

Globalisierung

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