Potenzial von IKT ist längst noch nicht ausgeschöpft

Nachgefragt

Viele Unternehmen in Deutschland haben durch den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) in den vergangenen Jahren ihre Produktivität enorm gesteigert. Gleichzeitig haben sich durch den Einsatz von IKT die Anforderungen an die Qualifikation der Arbeitnehmer stark verändert. Dr. Irene Bertschek, Leiterin der Forschungsgruppe Informations- und Kommunikationstechnologien des ZEW, erwartet, dass sich die dynamische Entwicklung von IKT auch in Zukunft fortsetzt.

Dr. Irene Bertschek promovierte nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre an der Université Catholique de Louvain, Belgien. Seit 1999 am ZEW beschäftigt, leitet sie seit 2001 die "Forschungsgruppe Informations- und Kommunikationstechnologien". Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte liegen auf den Auswirkungen der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien auf die Arbeitsproduktivität, die Unternehmensorganisation und die Altersstruktur der Beschäftigten.

Ist der Produktivitätszuwachs durch die Nutzung von IKT in der deutschen Wirtschaft mittlerweile weitgehend ausgeschöpft?

Keinesfalls. Der technologische Fortschritt im Bereich IKT ist ungebremst. Es werden immer wieder neue und verbesserte Produkte und Dienstleistungen entwickelt. Man denke nur an RFID-Chips zur Verfolgung und Steuerung von Warenflüssen oder an soziale Software-Anwendungen zur Kommunikation und Kollaboration. Hinzu kommen die ständig weiter zunehmende Leistungsfähigkeit von IKT-Technologien und -Anwendungen sowie der mitunter rapide Preisrückgang. Dies und die Eigenschaft von IKT als Querschnittstechnologie, die in so gut wie allen Wirtschaftsbereichen einsetzbar ist, bietet auch in Zukunft großes Potenzial für Produktivitätssteigerungen. Um dieses auszuschöpfen, müssen die Mitarbeiter entsprechend qualifiziert und organisatorische Strukturen und Prozessabläufe angepasst werden.

Wie setzen die Unternehmen IKT ein, um ihre Produktivität zu steigern

Die Unternehmen nutzen IKT auf vielfältige Weise. So nutzt mittlerweile fast jedes Unternehmen das Internet und stellt dort Informationen bereit. Die Unternehmen greifen auf das Internet aber auch in hohem Maße zum Einkauf von Produkten und Dienstleistungen zurück oder setzen es für Werbung und Marketing ein. Unternehmenssoftware für Ressourcenplanung, Produktionssteuerung und Kundenbetreuung durchdringt zunehmend die Geschäftsprozesse und vernetzt diese miteinander. Das führt zu immer komplexeren Anwendungen. Die Firmen nehmen deshalb häufig externes Know-how in Anspruch. Sie engagieren IT-Berater oder kaufen IT-Leistungen von externen Anbietern ein (IT-Outsourcing). Das wirkt sich positiv auf die Arbeitsproduktivität der Unternehmen aus wie Studien der IKT-Forschungsgruppe am ZEW zeigen.

Welche Bereiche der IKT werden in Zukunft die größten Wachstumsbeiträge liefern?

In Deutschland tragen Dienstleistungen, insbesondere die Entwicklung von Software und Telekommunikationsdienstleistungen, am meisten zur Bruttowertschöpfung im IKT-Sektor bei. Dagegen ist der Beitrag der Hardware deutlich geringer. Der Dienstleistungsbereich wird auch in Zukunft den größten Wachstumsbeitrag leisten, und zwar sowohl für den IKT-Sektor selbst als auch für die Anwenderbranchen. Im verarbeitenden Gewerbe beispielsweise ist Software in eingebetteten Systemen inzwischen eine wesentliche Produktkomponente. Sie übernimmt die Steuerung verschiedener Funktionen und ermöglicht erst zahlreiche Innovationen, die die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie stützen.

Das „Internet der Dienste“ wird aktuell stark diskutiert. Ein Modethema oder tatsächlich eine Entwicklung mit Potenzial?

Wie schon die Bezeichnung "Internet der Dienste" signalisiert, sollen künftig über das Internet Dienstleistungen angeboten werden, die einerseits der zunehmenden globalen Vernetzung und dem enormen Anwachsen der Datenmengen gerecht werden, andererseits aber auch den Bedürfnissen der einzelnen Nutzer Rechnung tragen. Beispiele für solche Dienste sind "Software as a Service" oder "Cloud Computing". Bei der zuerst genannten Anwendung wird teure oder besonders pflegeaufwendige Software von externen Anbietern betrieben und kann bei Bedarf vom Kunden gegen Entgelt genutzt werden. Im zweiten Anwendungsbeispiel werden Datenmengen auf externen Servern in einer "Cloud" gespeichert, wodurch für den Kunden immer wieder notwendige Speichererweiterungen weitgehend entfallen. Ein Internet der Dienste ermöglicht den Unternehmen somit ein hohes Maß an Flexibilität und Mobilität. Dem stehen eine verminderte Datensicherheit und ein Kontrollverlust des Unternehmens als Negativfaktoren gegenüber, die eine Durchsetzung dieser Anwendungen behindern.

Der Anteil der älteren Beschäftigten in den Unternehmen steigt. Behindert dies die effiziente Nutzung von IKT?

Unter den Beschäftigten über 50 Jahren finden sich generell weniger Computernutzer als unter jüngeren. Zudem ist in IKT-intensiven Unternehmen der Anteil älterer Beschäftigter vergleichsweise geringer. Eine aktuelle Studie der IKT-Forschungsgruppe am ZEW zeigt jedoch, dass die positiven Produktivitätsbeiträge, die auf eine Computernutzung am Arbeitsplatz zurückgehen, nicht auf bestimmte Altersgruppen beschränkt sind. Auch ältere Beschäftigte, die einen Computer am Arbeitsplatz nutzen, leisten einen signifikant höheren Beitrag zur Produktivität von Unternehmen als ältere Beschäftigte, die keinen Computer nutzen. Dies hängt mit der unterschiedlichen Qualifikation der Mitarbeiter zusammen. Des Weiteren zeigt sich, dass der Beitrag von IKT zur Arbeitsproduktivität der Unternehmen nicht vom Anteil Älterer beeinträchtigt wird. Eine alternde Belegschaft steht somit nicht unbedingt im Konflikt mit dem technologischen Fortschritt. Lebenslanges Lernen ermöglicht es heute, neue Technologien, insbesondere IKT, unabhängig vom Lebensalter kompetent zu nutzen. Dadurch können die Arbeitskräfte möglichst lange auf dem Arbeitsmarkt gehalten und es kann dem zunehmenden Fachkräftemangel entgegengewirkt werden.

Nutzen die Unternehmen Web 2.0-basierte Anwendungen?

In der Regel kommen IKT-Anwendungen zuerst in den Unternehmen zum Einsatz, bevor sie in den privaten Bereich diffundieren. So war es beispielsweise bei Computer und Internet. Bei Web 2.0-Anwendungen verläuft der Verbreitungsprozess jedoch umgekehrt. Beispielsweise wurden Wikis, Weblogs und vor allem soziale Netzwerkdienste zuerst von privaten Nutzern eingesetzt und halten erst allmählich Einzug in die Unternehmen. Ein Vorteil dieser Entwicklung ist, dass viele (zukünftige) Arbeitnehmer bereits die Fertigkeiten besitzen, um mit diesen Anwendungen umzugehen. Eine Umfrage der IKT-Forschungsgruppe des ZEW hat den Einsatz von Web 2.0-Anwendungen bei Dienstleistern der Informationsgesellschaft untersucht. Dieser Wirtschaftszweig umfasst IT- und wissensintensive Branchen, in denen Wissen als Produktionsfaktor eine große Rolle spielt. Es zeigte sich, dass etwa 32 Prozent der Unternehmen in diesem Wirtschaftszweig mindestens eine Web 2.0-Anwendung wie Weblogs, Wikis, Diskussionsforen oder Online-Communities einsetzen.

Für welche Unternehmensbereiche ist Web 2.0 besonders interessant?

Ein vielversprechender Einsatzbereich von Web 2.0 im Unternehmen ist das Wissensmanagement. Die entsprechenden Anwendungen können dazu beitragen, internes Wissen von Mitarbeitern und externes Wissen von Kunden und Geschäftspartnern zu bündeln, zu strukturieren und für die Verbesserung von Produkten und Prozessabläufen nutzbar zu machen. Erste Analysen auf Grundlage der Firmendaten aus IT- und wissensintensiven Dienstleistungsbranchen zeigen, dass gerade innovative Unternehmen, die ihr Dienstleistungsangebot ausweiten oder differenzieren konnten, auch eher Web 2.0-Anwendungen einsetzen. Um Kausaleffekte zu identifizieren, bedarf es aber noch weiterer Untersuchungen.

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