Heute wird mehr als 70 Prozent der globalen Elektrizitätsproduktion mit fossilen Energieträgern erzeugt. Dabei entfällt mehr als die Hälfte der fossilen Verbrennung auf Kohle. Die fünf Megatrends der Zukunft – wachsende Weltbevölkerung, Verstädterung, wachsende Weltwirtschaft, steigende ökonomische Bedeutung von Indien und China – lassen die Aussichten auf eine Verdopplung der Energienachfrage bis zum Jahre 2030 plausibel erscheinen. Die Verfügbarkeit von Kohlereserven in vielen Ländern und steigende Brennstoffpreise für Gas und Öl machen Kohle zu einer attraktiven Option in der weltweiten Elektrizitätsproduktion, vor allem vor dem Hintergrund eines wachsenden Bedürfnisses nach einer Versorgung mit ausreichender, sicherer und preisgünstiger Energie. Das geschätzte jährliche Marktvolumen von fossil erzeugter Elektrizität beträgt 208 Mrd. $. Ein großer Teil dieses Marktvolumens ist für kohlebefeuerte Kraftwerkstechnologie bestimmt. Die klimapolitische Notwendigkeit der Reduktion von CO2-Emissionen macht die Kohleverbrennung jedoch zu einem zentralen Gegenstand der Umweltdiskussion. In vielen Ländern wurde bereits mit der Entwicklung von sogenannten sauberen Kohletechnologien begonnen. Die Penetrationsrate dieser Technologien unterscheidet sich aber beträchtlich von Land zu Land. Das Ziel dieses Papiers ist es, mit Hilfe des Lead-Markt-Konzeptes zu analysieren, warum sich saubere Kohletechnologien in einigen Länder schneller und in einem höheren Ausmaß ausbreiten als in anderen Ländern. Lead-Märkte sind Märkte, die einen zeitlichen Vorsprung bei der Einführung eines Innovationsdesigns besitzen und daher die globale Diffusion anführen. In Bezug auf Kohletechnologien wird das Innovationsdesign der superkritischen Kohlekraftwerke (SC) ausgewählt, da es rund 90% des Kohlemarktes abdeckt und der Diffusionsverlauf über hinreichend lange Zeiträume, d.h. über einige Jahrzehnte, beobachtbar ist. Das Papier analysiert die Diffusionsverläufe der Innovationsdesigns in Deutschland, den USA, China und Japan. Die Analyse der Diffusionskurven von superkritischen Kohlekraftwerken zeigt, dass das typische Muster von Lead-Märkten nur bedingt übertragbar ist. Die USA scheinen in den 1960er und 1970er Jahren eine Lead-Markt-Position einzunehmen. Die Diffusionsraten waren hoch und eine große Anzahl von SC-Kraftwerken wurde gebaut. Andere Länder folgten dem amerikanischen Innovationsdesign, aber das Bild ändert sich, als die USA in den späten 1970ern den Bau von SC-Kraftwerken beenden und sich die Diffusionskurven schneiden. Japan überholt Deutschland und die USA, obwohl es als ein typischer Lag-Markt in den frühen 1980ern startete. Japanische Firmen decken ihren Bedarf vornehmlich aus heimischer Produktion, amerikanische Technologie spielt nur eine untergeordnete Rolle. Im Allgemeinen geht der Lead-Markt-Ansatz davon aus, dass Lead-Märkte im Zeitablauf stabil sind und sich die Diffusionskurven insofern nicht schneiden dürften. Nach Analyse der Technologiediffusion von SC-Kohlekraftwerken in den verschiedenen Ländern stellt sich die Frage, ob ein Lead-Markt für dieses spezifischen Technologien bestimmt werden kann. Nach Berücksichtigung der Lead-Markt-Faktoren lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass gegenwärtig kein Lead-Markt existiert. Während die USA über relative Preis-, Nachfrage und Marktstrukturvorteile verfügen, weist Japan einen Transfervorteil und Deutschland einen Regulierungsvorteil auf. Künftig wird der Nachfragevorteil vermutlich an China fallen. Dieses Resultat stützt auch die These, dass – jenseits des nachfrageorientierten Lead-Markt-Modells – auch Push-Faktoren wie zum Beispiel die F+E-Aktivitäten eines Landes eine wichtige Rolle bei der Bestimmung von Lead-Märkten spielen. Denn der Transfervorteil der Japaner ist vor allem aus ihren intensiven F+E-Aktivitäten abzuleiten. Insofern kann geschlussfolgert werden, dass ein Mix aus Push- und Pull-Strategien notwendig ist, um eine Lead-Markt-Position im Bereich von Kohlekraftwerkstechnologien aufzubauen.

Autoren

Rennings, Klaus
Smidt, Wilko

Schlagworte

Lead Markets, Coal Power plants, Energy Technology, Energy Policy