Nach langen Verhandlungen hat die Große Koalition die Wohnbauförderung in Form des sogenannten Baukindergeldes beschlossen. Dabei handelt es sich um einen staatlichen Zuschuss, der vor allem jungen Familien den Erwerb von Wohneigentum erleichtern soll. Dr. Carolin Schmidt, Wissenschaftlerin im ZEW-Forschungsbereich „Internationale Finanzmärkte und Finanzmanage­ment“, beantwortet zentrale Fragen zum Thema.

Dr. Carolin Schmidt vom ZEW-Forschungsbereich „Internationale Finanzmärkte und Finanzmanagement“
Dr. Carolin Schmidt ist im ZEW-Forschungsbereich „Internationale Finanzmärkte und Finanzmanagement“ tätig.

Das Baukindergeld soll Familien beim Ersterwerb von Wohneigentum unterstützen, indem pro Kind und Jahr 1.200 Euro über zehn Jahre als Zuschuss ausgezahlt werden. Eine Familie mit zwei Kindern erhält also über den kompletten Zeitraum 24.000 Euro. Die Hypothekenbank wird davon natürlich etwas weniger – nämlich den Barwert, beim derzeitigen Zinsniveau etwa 22.133 Euro – anrechnen, da der Betrag nicht von Anfang an komplett verfügbar ist. Viele Bedingungen, an die das Baukindergeld geknüpft ist, sind jedoch noch nicht gänzlich geklärt. Fest steht, dass die Förderung rückwirkend ab dem 1. Januar 2018 an Familien mit einem oder mehreren minderjährigen Kindern gezahlt werden soll, die im erworbenen Eigenheim leben werden. Dabei darf das zu versteuernde Haushaltseinkommen eines Paares mit einem Kind nicht über 90.000 Euro liegen. Für jedes zusätzliche Kind kommt darüber hinaus ein Freibetrag von 15.000 Euro hinzu. Noch unklar ist beispielsweise, wann genau die Förderung ausgezahlt wird oder ob Familien auch mit einer Förderung für nach der Antragstellung geborene Kinder rechnen können. Aufgrund der explodierenden Kosten wurde Ende Juni außerdem beschlossen, dass das Baukindergeld nur bis 2020 beantragt werden kann. Da das Baukindergeld erst bis zum Herbst gesetzlich verankert werden soll, gibt es entsprechend auch noch keinerlei Antragsformulare.

Das Baukindergeld soll Familien mit Kindern in Deutschland gleichermaßen fördern, unabhängig davon, wo sie wohnen. Das bedeutet aber, dass Haushalte auf dem Land relativ gesehen stärker davon profitieren als solche in den Städten, wo Eigentum viel teurer ist. Eine Familie mit zwei Kindern, die die Kriterien für das Baukindergeld erfüllt und ein Haus im Kyffhäuserkreis kaufen will, wo Einfamilienhäuser schon ab 25.000 Euro erhältlich sind, wird mit denselben 24.000 Euro gefördert wie eine Familie in Starnberg, die durchschnittlich fast 900.000 ­Euro für ein Haus ausgeben muss. Die erste Familie wird um fast 90 Prozent entlastet, die zweite noch nicht mal um drei Prozent. Darüber hinaus werden die Preise in den Städten durch die Wohnungsknappheit weiter steigen, denn die Zahlungsbereitschaft der Nach­frager steigt um die Höhe des erhaltenen Förderbetrags, welcher dann von den Projektentwicklern durch höhere Verkaufspreise abgeschöpft werden kann. Letzten Endes wird also wahrscheinlich vor allem die Baubranche profitieren.

Auf dem Land hingegen wird das Baukindergeld schon eher den Neubau anregen, da Bauland dort reichlich vorhanden ist. Dort herrscht aber schon jetzt großer Leerstand. Außerdem werden auch Geringverdiener belastet, die sich selbst kein Eigentum leisten können, durch ihre Steuern aber indirekt die Eigentumsbildung anderer Haushalte mitfinanzieren, denen es tendenziell besser geht als ihnen selbst.

Das Baukindergeld ist zunächst einmal eine Nachfrageförderung. Sie wird aber an der Angebotsseite, zumindest in den angespannten Wohnungsmärkten, nicht viel ändern können. Seit geraumer Zeit wird in den Städten nämlich zu wenig Bauland ausgewiesen, auf dem der so dringend benötigte Wohnraum ent­stehen könnte. In vielen Kommunen ist es außerdem so, dass Bauland zu Höchstpreisen verkauft wird. Bauunternehmen können dann oft nichts anderes tun, als zu versuchen, diese Kosten wieder „reinzuholen“. Und das können sie häufig nur dann, wenn sie teure Luxuswohnungen bauen. Diese wiederum werden von Familien nachgefragt, die ohnehin nicht förderberechtigt sind, weil deren zu versteuernde Haushaltseinkommen deutlich über der Grenze liegen, die für das Baukindergeld angewendet wird. Neubau könnte so höchstens auf dem Land entstehen, wo er allerdings gar nicht gebraucht wird. Aufgrund des Mangels an Bauland in den Metropolen scheint es außerdem wahrscheinlicher, dass dort Miet- in Eigentumswohnungen umgewandelt werden, was die Preise weiter in die Höhe treiben könnte.

Es gibt einige Möglichkeiten, wie man Familien stärker entlasten könnte als durch das Baukindergeld. Denkbar wäre zum Beispiel eine Senkung der Grunderwerbsteuer, die in manchen Bundesländern ganze 6,5 Prozent vom Kaufpreis beträgt. Deutschland liegt da im internationalen Vergleich weit vorn: In Dänemark, Schweden, Österreich und der Schweiz müssen Käufer nur zwischen 0,6 und 3,3 Prozent zusätzlich abführen. In den letzten zehn Jahren wurde die Steuer, die bis 2006 bundeseinheitlich bei 3,5 Prozent lag, von den meisten Landesregierungen außerdem ständig erhöht. Das Land Baden-Württemberg erhebt 5 Prozent Grunderwerbsteuer und somit muss eine Familie mit zwei Kindern, die in Mannheim ein Einfamilienhaus für 600.000 Euro erwerben möchte, mit 30.000 Euro zusätzlich rechnen. Durch das Baukindergeld würde sie jedoch maximal eine Förderung von 24.000 Euro über zehn Jahre erhalten. Und dann kommen bei einem Hauskauf unter Anderem noch Notarkosten, Grundbucheintrag und häufig Maklergebühren hinzu. Bei den Maklergebühren wird häufig vorgeschlagen, wie bei Mietwohnungen das Bestellerprinzip anzuwenden, bei dem derjenige die Maklercourtage zahlt, der den Makler beauftragt. Hier besteht jedoch das Risiko, dass der Verkäufer diese Kosten auf den Kaufpreis aufschlägt, welcher dann wiederum als Grundlage für die Grunderwerbsteuer genutzt wird. In den Niederlanden zum Beispiel, wo das Bestellerprinzip bereits Anwendung findet, wurden solche Preissteigerungen jedoch nicht beobachtet, zumal die durchschnittliche Maklergebühr dort nur 1,5 Prozent beträgt. Dennoch muss man vorsichtig sein, weil Wohneigentum für den Käufer so schlimmstenfalls noch teurer wird. Bestenfalls führt dieses Prinzip aber wie in den Niederlanden dazu, dass das Maklergeschäft kompetitiver wird und die Gebühren sinken, weil Verkäufer ihre Makler dann mit mehr Bedacht auswählen und die entstehenden Kosten vorab verhandeln.

In vielen EU-Staaten wird deutlich günstiger gebaut als bei uns. Möglich wird dies durch weniger strenge Bauvorschriften, beispielsweise hinsichtlich des Energieverbrauchs, des Lärmschutzes oder der Anzahl der Stockwerke. Auch spielen niedrigere Erwerbsnebenkosten eine große Rolle. In Deutschland wird häufig mit 13,5 Prozent zusätzlich zum Preis des Hauses oder der Wohnung gerechnet, in Frankreich sind es nur etwa sieben Prozent und in den Niederlanden acht bis zehn. Dies macht Immobilienerwerb andernorts deutlich erschwinglicher. Im EU-Ausland und auch den USA wird außerdem viel häufiger umgezogen: Man fängt klein an, arbeitet sich hoch und zieht im Alter wieder in eine kleinere Wohnung. Somit werden große Wohnungen, die von Familien nachgefragt werden, nicht von Paaren oder Singles belegt. Die Kaufnebenkosten machen in Deutschland solche häufigen Umzüge jedoch praktisch unmöglich. Was bei uns erschwerend hinzukommt, ist die emotionale Bindung zu unserem Heim: Paare mit Kindern, die sich den Traum vom Eigenheim erfüllt haben, leben oft bis zum Lebensende dort. Im Alter, wenn die Kinder schon längst aus dem Haus sind, wohnen sie dann in einem viel zu großen Haus. Ideal wäre es da, sich nach etwas Kleinerem umzusehen und somit Platz für Familien zu machen. Die Bereitschaft zu diesem Schritt ist im Ausland oft höher.

Datum

08.08.2018

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