#ZEWlive: Corona und die digitale Ökonomie

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Seit dem Corona-bedingten Lockdown im Frühjahr haben Unternehmen und Beschäftigte in Deutschland reichlich Erfahrung mit Homeoffice gesammelt. Im Digitalformat #ZEWlive diskutierten Prof. Dr. Irene Bertschek, Leiterin des ZEW-Forschungsbereichs „Digitale Ökonomie“, und Luka Mucic, Finanzvorstand der SAP SE, wie sich die Erkenntnisse aus der Corona-Zeit langfristig nutzbar machen lassen können. Die digitale Veranstaltungsreihe #ZEWlive fokussierte sich bei dieser Ausgabe auf „Corona und die digitale Ökonomie: Die Krise als Chance?“. Die Moderation übernahm die Journalistin Elif Şenel. Die rund 150 Zuschauerinnen und Zuschauer konnten sich per Chat-Funktion an der Diskussion beteiligen.

Das #ZEWlive über die Erkenntnisse zur Digitalisierung aus der Corona-Zeit.
Beim #ZEWlive diskutierten ZEW-Forschungsbereichsleiterin Prof. Dr. Irene Bertschek (links) und SAP-Finanzvorstand Luka Mucic (Bildschirm Mitte) über die Folgen der Corona-Krise für die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft. Es moderierte Elif Şenel (rechts).

„Wer digitalisiert, kommt gesünder durch die Krise“, sagte ZEW-Digitalexpertin Irene Bertschek in ihrem Eingangsstatement. Wie eine Studie des ZEW Mannheim zeigt, sind Unternehmen mit einem hohen Digitalisierungsgrad 2008/2009 besser durch die Finanz- und Wirtschaftskrise gekommen. Drei Faktoren waren bisher in der aktuellen Corona-Krise besonders wichtig, so Bertschek weiter. „Unternehmen mussten flexibel auf den Nachfragerückgang reagieren und zum Beispiel die Produktion auf Atemschutzmasken umstellen. Sie mussten die Distanz wahren, etwa mithilfe von Homeoffice oder durch den Einsatz von Robotern. Und sie mussten versuchen, über ihre Online-Präsenz sichtbar zu bleiben. Digitalisierung ist ein Treiber für alle diese drei Faktoren.“

Gleichzeitig stellte die ZEW-Ökonomin jedoch fest: „Deutschland schöpft die Potenziale der Digitalisierung nicht voll aus.“ Nachholbedarf bestehe etwa bei der Nutzung von Cloud-Diensten und von Anwendungen der Künstlichen Intelligenz (KI). „Corona hat Defizite bei der digitalen Infrastruktur und im öffentlichen Bereich aufgedeckt“, erklärte Bertschek. SAP-Vorstand Luka Mucic pflichtete ihr bei. „Die digitalen Schwachstellen in Deutschland sind deutlich zutage getreten: in der öffentlichen Verwaltung, im Bildungs- und im Gesundheitswesen“, stellte er fest. „Ich glaube, das ist ein Brennglas, aus dem jetzt noch viele Initiativen entstehen werden und müssen“, meinte Mucic. „Ein weiteres Hindernis ist der Föderalismus, der uns jetzt zum Nachteil gereicht, weil er zu Fragmentierung führt. Österreich hat die Abstimmung der Ebenen im föderalen System wesentlich besser optimiert als wir.“

Deutschland hinkt im internationalen Vergleich hinterher

Bei der Nutzung digitaler Technologien belegt die deutsche Wirtschaft im europäischen Vergleich nur Platz 18 von 28. „Die Unternehmenslandschaft ist hierzulande von kleinen und mittleren Unternehmen geprägt, die zögerlicher bei der Adaption von neuen Technologien sind“, erklärte Bertschek. „Außerdem ist die Besorgnis hinsichtlich Datenschutz und Datensicherheit in Deutschland stärker ausgeprägt als in anderen Ländern. Mit dem von der Bundesregierung angestoßenen Cloud-Projekt GAIA-X besteht die Hoffnung, Infrastrukturen zu schaffen, die europäischen Standards genügen und von europäischen Unternehmen und Behörden genutzt werden.“ Sie wies zudem darauf hin, dass die deutsche Wirtschaft sehr erfolgreiche Jahre hinter sich hat. „Das ist für viele ein Grund, sich nicht um Digitalisierung zu kümmern. Es kann auch ein Hindernis sein, wenn es gut läuft“.

Wie Zahlen des ZEW zeigen, kommen KI-Anwendungen bisher nur in sechs Prozent aller Unternehmen in Deutschland zum Einsatz. SAP-Mann Mucic sagte dazu: „Um wirklich eine mächtige und inhaltlich robust arbeitende KI etablieren zu können, braucht man einen großen Bestand möglichst aussagekräftiger Daten. Da fehlen uns, gerade auch im Vergleich zu China und den USA, noch die Datenpools.“ Auch hier spiele das Thema Datensicherheit wieder eine Rolle. „Wir müssen eine übergreifende europäische Datenstrategie entwickeln und einen besseren datenschutzkonformen Zugang zu Datenplattformen bieten, aus denen dann industrielle Anwendungen entwickelt werden können“, forderte Mucic.

Technologie und Innovationen weisen den Weg in die Zukunft

ZEW-Forscherin Bertschek äußerte die Hoffnung, dass die Corona-Krise der deutschen Wirtschaft einen nachhaltigen Digitalisierungsstoß versetzt. „Homeoffice und Videokonferenzen können jedoch nicht alles gewesen sein. Wir müssen neue Produkte und Dienste entwickeln und das Momentum nutzen, um einen Schritt weiterzukommen. Die digitale Infrastruktur und eine Datenstrategie sind die Voraussetzungen dafür.“ Sie zeigte sich zuversichtlich, dass diese Voraussetzungen nun geschaffen würden. „Auf der politischen Ebene sind die Weichen gestellt. Mit dem Zukunftspaket hat die Bundesregierung das Signal gesetzt, dass es um Technologie und Innovationen geht. Und das ist der Weg in die Zukunft.“

Auch Luka Mucic vertrat die Ansicht, dass die Politik die Krise gut gemeistert habe. „Die gleiche Energie müssen wir jetzt in die nachhaltigen Programme investieren. Wir müssen KI, die Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung und generell die Rahmenbedingung für digitale Innovationen stärken. Dafür brauchen wir eine steuerliche Förderung von Innovationsprozessen, eine gute Balance zwischen der Nutzbarkeit von Daten und ihrem Schutz sowie Umsetzungsprozesse, um Cloud-Computing voranzubringen“, legte Mucic dar. „Ich glaube, dass wir gerade in der Privatwirtschaft, aber auch in der Verwaltung, einen nachhaltigen Digitalisierungsschub erleben werden“, prognostizierte er.

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