Fabian Oppel: Sabrina, zu Beginn hören wir Naturgeräusche – Vogelgezwitscher, Wasserplätschern, Frösche. Was hat das mit unserem Thema Gesundheitsapps zu tun?
Dr. Sabrina Schubert: Solche Geräusche werden beispielsweise in digitalen Therapien eingesetzt, etwa in Apps zur Behandlung von Tinnitus. Sie zeigen gut, wie digitale Anwendungen heute therapeutisch genutzt werden können.
Oppel: Der Begriff Gesundheitsapps ist sehr breit. Was genau versteht man darunter und was sind Digitale Gesundheitsanwendungen, die sogenannten DiGA?
Schubert: Gesundheitsapps umfassen grundsätzlich alle Handy-Anwendungen, die Menschen zur Unterstützung ihrer Gesundheit nutzen – vom Schrittzähler bis zur Therapie-App. DiGA sind eine kleine, besonders regulierte Untergruppe. Sie können von Ärztinnen und Ärzten verschrieben werden und werden von gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Dafür müssen sie ein Zulassungsverfahren durchlaufen und ihre Wirksamkeit nachweisen.
Oppel: Was macht eine App konkret zu einer DiGA?
Schubert: Sie muss als Medizinprodukt zugelassen sein, sich an Patientinnen und Patienten mit einer bestimmten Diagnose richten und Studien zur Wirksamkeit vorlegen. Außerdem müssen hohe Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen erfüllt werden. Nach erfolgreicher Prüfung wird die App in ein offizielles Verzeichnis aufgenommen. In Deutschland gibt es zudem die Möglichkeit einer vorläufigen Aufnahme, damit Innovationen schneller in die Versorgung gelangen.
Oppel: Wie funktioniert die Vergütung solcher Anwendungen?
Schubert: Im ersten Jahr können Anbieter den Preis weitgehend selbst festlegen. Häufig liegen die Kosten bei mehreren hundert Euro pro Patient und Quartal. Erst danach werden Preise mit den Krankenkassen verhandelt. Dieses Modell sollte Innovationen fördern und den Markt für digitale Anwendungen anschieben.
Oppel: Warum sind Gesundheitsapps aus ökonomischer Sicht besonders spannend?
Schubert: Weil hier ein neuer Markt entsteht, der sich erst sortieren muss. Wir untersuchen beispielsweise, ob Regulierung Innovation fördert oder hemmt. Dabei geht es um die Frage, wie viel wissenschaftliche Evidenz notwendig ist, ohne Innovationen unnötig zu erschweren, besonders für kleinere Unternehmen oder Start-ups.
Oppel: Welche Rolle spielen Gesundheitsapps aktuell im Gesundheitssystem?
Schubert: Man muss zwischen Lifestyle-Apps und medizinischen Anwendungen unterscheiden. Lifestyle-Apps wie der Schrittzähler oder die App zum Kalorienzählen werden sehr häufig genutzt. Medizinische Anwendungen wie DiGA sind zwar inzwischen Teil der Versorgung, aber ihr Anteil ist noch relativ klein. Außerdem dürfen diese Apps nur bei Erkrankungen mit niedrigem Risiko eingesetzt werden. Sie können medizinische Behandlungen unterstützen, aber nicht ersetzen.
Oppel: Wie wird eigentlich geprüft, ob solche Apps wirken?
Schubert: Derzeit orientiert man sich stark an klassischen randomisierten kontrollierten Studien, wie man sie aus der Medikamentenforschung kennt. Dabei vergleicht man Patientengruppen mit und ohne App-Nutzung. Allerdings ist das bei digitalen Anwendungen schwieriger, weil es beispielsweise keine echte „Placebo-App“ gibt.
Oppel: Gibt es alternative Ansätze?
Schubert: Ja, zunehmend werden sogenannte Real-World-Daten diskutiert. Dabei nutzt man Daten, die während der tatsächlichen Anwendung entstehen – etwa Nutzungsdaten aus Apps oder Messwerte von Wearables. Diese Daten könnten künftig stärker genutzt werden, um Wirksamkeit zu bewerten.
Oppel: Welche Ergebnisse zeigen bisherige Studien zum Markt für Gesundheitsapps?
Schubert: Wir sehen, dass durch die Regulierung insgesamt mehr Apps auf den Markt kommen. Allerdings steigt die Zahl wissenschaftlich fundierter Anwendungen nicht im gleichen Maße. Außerdem entstehen neue Apps häufig in Bereichen, in denen es bereits Angebote gibt, beispielsweise bei mentaler Gesundheit. Für viele andere Krankheitsbilder sehen wir bislang kaum neue Entwicklungen.
Oppel: Welche Verbesserungsmöglichkeiten siehst du für die Regulierung?
Schubert: Man könnte beispielsweise bürokratische Hürden für Anwendungen mit geringem Risiko reduzieren. Außerdem könnten Real-World-Daten stärker berücksichtigt werden. Ein weiterer Ansatz wäre, die Vergütung stärker daran zu orientieren, wie intensiv Patientinnen und Patienten eine App tatsächlich nutzen – also an der sogenannten Adhärenz.
Oppel: Genau dazu läuft aktuell ein neues Forschungsprojekt am ZEW. Worum geht es dabei?
Schubert: Im Projekt DEKODE untersuchen wir gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Praxis, wie Patientinnen und Patienten Gesundheitsapps nutzen und welche Faktoren die Nutzung beeinflussen. Wir kombinieren dafür Befragungen, Versicherungsdaten und anonymisierte App-Nutzungsdaten. Ziel ist es, digitale Anwendungen effektiver in die Versorgung zu integrieren und Vergütungsmodelle weiterzuentwickeln.
Oppel: Wird die Forschung zu digitalen Gesundheitsmärkten am ZEW weiter ausgebaut?
Schubert: Ja, der Bereich wächst aktuell deutlich. Wir beschäftigen uns mit Fragen an der Schnittstelle von Digitalisierung, Vergütungssystemen und Innovation im Gesundheitsmarkt. Das ist besonders wichtig, weil Deutschland im internationalen Vergleich bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens noch Aufholbedarf hat.
Dieser Text stellt eine gekürzte Wiedergabe des Gesprächs dar. Im vollständigen Podcast werden zahlreiche Aspekte vertieft, zusätzliche Beispiele vorgestellt und Forschungsergebnisse ausführlicher erläutert.