Schulwahl

Frühe Aufteilung nach Schulformen und ihre Folgen für Leistung und Chancen

Wie gerecht sind Bildungswege und welche Folgen hat die frühe Aufteilung von Schülerinnen und Schülern? ZEW-Ökonom Thilo Klein aus dem Forschungsbereich „Marktdesign“ und Ökonomin Sarah McNamara aus dem Forschungsbereich „Arbeitsmärkte und Sozialversicherungen“ zeigen anhand eines natürlichen Experiments, dass der Besuch eines Gymnasiums gerade für Kinder aus weniger privilegierten Haushalten große Lerngewinne bringen kann. Diese Themen greift auch der Podcast auf, in dem Thilo Klein mit Anna Klump und Kijaron Bartens vom Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium in Mannheim ins Gespräch kommt.


ZEW-Ökonom Thilo Klein und Ökonomin Sarah McNamara liefern „Evidenz durch Design“: Sie nutzen das zentrale Schulvergabeverfahren in Ungarn als natürliches Experiment und vergleichen Kinder, die knapp einen Gymnasialplatz erhalten oder diesen knapp verfehlen. Auf diese Weise lässt sich der tatsächliche Effekt des Gymnasialbesuchs sichtbar machen, unabhängig vom Einfluss der Mitschülerinnen und Mitschüler, und verlässlich messen.

Die Ergebnisse zeigen, dass der Besuch eines Gymnasiums die schulischen Leistungen und Studienambitionen deutlich verbessert – unabhängig von sozialem Hintergrund oder bisherigen Noten. Besonders profitieren Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status: Ihre Familien investieren stärker in außerschulische Bildung, und die Kinder erzielen mindestens ebenso große Lerngewinne wie Gleichaltrige aus privilegierteren Haushalten. Gleichzeitig erhalten sie seltener einen Gymnasialplatz, was bestehende Bildungsungleichheiten verstärkt.

Die Studie stellt zudem die verbreitete Annahme infrage, dass eine frühe Aufteilung nach Leistungsgruppen notwendig ist, um leistungsstarke Schülerinnen und Schüler zu fördern. Vielmehr zeigen die Ergebnisse, dass Faktoren wie Motivation und Verhalten im Klassenumfeld eine größere Rolle spielen als die rein leistungsorientierte Zusammensetzung.

Insgesamt machen die Befunde deutlich, dass nicht mangelnde Fähigkeiten, sondern ungleiche Zugangschancen entscheidend zur Bildungsungleichheit beitragen. Die Ergebnisse legen daher nahe, die frühe Leistungsdifferenzierung – etwa im deutschen Schulsystem – kritisch zu hinterfragen und flexiblere Übergänge zwischen Schulformen in Betracht zu ziehen.

Sarah McNamara

ZEW-Forschungsbereich „Arbeitsmärkte und Sozialversicherungen“

„Es ist wichtig, bei der Entscheidung über den Schulweg nicht nur Noten und Lehrerempfehlungen zu berücksichtigen, sondern auch Motivation, Durchhaltevermögen und soziales Verhalten. Mehr Flexibilität beim Übergang zwischen Schulformen und ein höheres Alter bei der Einteilung könnten die Chancengleichheit verbessern, ohne die Leistungsfähigkeit des Schulsystems zu gefährden.“
 


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