Achim Wambach

Stärker als die Summe – Wie das „Wir“ wissenschaftliche Wirkung erzeugt

Ein kleines Wort mit großer Wucht

Drei Buchstaben. Eine Silbe. Und doch steckt in diesem Wort eine der tiefgreifendsten Fragen, mit denen sich Menschen, Gesellschaften und Institutionen auseinandersetzen: Wer gehört dazu – und was macht uns zu einem „Wir“? 

Linguistisch betrachtet ist „wir“ ein geläufiges Pronomen – grammatisch einfach, aber semantisch komplex. Denn anders als das „Ich“ setzt „wir“ immer eine Grenzziehung voraus: ein Innen und ein Außen, ein Zugehörig-Sein und ein Ausgeschlossen-Sein. Sprache schafft damit soziale Realität. Wer „wir“ sagt, konstruiert Gemeinschaft und zieht zugleich eine Linie. Die Macht des kleinen Wortes liegt genau darin: “Wir“ verbindet und trennt.

Die Soziologie hat sich seit ihren Anfängen mit dem „Wir“ beschäftigt. Émile Durkheim hat gezeigt, dass soziale Kohäsion nicht allein durch Interessenkongruenz entsteht, sondern durch geteilte Symbole, Praktiken und eine kollektive Moralität. Georg Simmel wiederum beschrieb, wie Gruppen durch den Wechsel von Nähe und Distanz, von Inklusion und Abgrenzung ihre Identität konstituieren. Das „Wir“ ist in dieser Perspektive demnach keine bloße Aggregation von Ich-Interessen, sondern eine emergente soziale Realität, die erst im Vollzug des Gemeinsamen entsteht. Gleichzeitig betonen modernere Ansätze, dass das „Wir“ keine natürliche Gegebenheit ist, sondern immer wieder neu ausgehandelt werden muss. Das bestätigen auch die Experimente des Minimalgruppen-Paradigmas von Henri Tajfel: Schon die willkürliche Einteilung in zwei Gruppen, etwa anhand einer Farbpräferenz oder eines Münzwurfs, genügt, damit Probanden Ressourcen systematisch zugunsten der eigenen Gruppe verteilen. In einer zunehmend ausdifferenzierten Gesellschaft, in der Menschen in vielen wechselnden Rollen und Kontexten agieren, muss das Kollektiv ständig gepflegt, gestärkt und neu definiert werden. 

„Wir“ impliziert Interaktion: In den Wirtschaftswissenschaften ist das Instrument zur Analyse des „Wir“ die Spieltheorie. Die zentrale Frage aus dieser Perspektive lautet: Wann entscheiden sich rational handelnde Individuen für Kooperation? Das berühmteste Gedankenexperiment der Spieltheorie, das Gefangenendilemma, zeigt das Problem in seiner Grundform: Zwei Verdächtige, die nicht miteinander kommunizieren können, gestehen beide – obwohl sie gemeinsam besser dastünden, wenn beide schwiegen. Die Logik „Jeder für sich“ produziert ein kollektiv suboptimales Ergebnis. Die Auflösung des Dilemmas liegt in der Wiederholung des Spiels, im Aufbau von Vertrauen und in der Erwartung von zukünftigen Ergebnissen. Wer weiß, dass er seinem Gegenüber wieder begegnet, kalkuliert anders: Die Strategie „Tit for Tat“, also Kooperation solange der andere kooperiert, Bestrafung bei Vertrauensbruch, erweist sich im wiederholten Spiel als überlegen. Wissenschaftliche Gemeinschaften erfüllen diese Bedingungen in idealtypischer Weise: Forschende begegnen sich immer wieder, Reputation ist zentral, und der Zeithorizont ist lang. In Win-Win-Situationen übersteigt der gemeinsame Gewinn die Summe dessen, was die Parteien allein hätten erreichen können. Der Gegensatz dazu ist das Nullsummenspiel: Was einer gewinnt, verliert der andere. 

Warum das „Wir“ gerade jetzt zählt

Im Jahr 2025 war diese Einsicht keine abstrakte Übung. Geopolitische Unsicherheiten, Klimawandel, technologische Umbrüche und tiefgreifende Strukturwandelprozesse stellen Gesellschaften vor Koordinationsprobleme, die im Alleingang nicht lösbar sind. Präsidenten, die in Nullsummenlogiken verfallen, verlieren die Fähigkeit zur kollektiven Problemlösung. Institutionen, die das Gemeinsame nicht kultivieren, lösen sich in Partikularinteressen auf. Und Wissenschaft, die sich nicht als Teil eines größeren Projekts begreift, verliert ihre gesellschaftliche Legitimation. Die Frage nach dem „Wir“ entscheidet, ob wir die Probleme der heutigen Zeit lösen können.

Das WIR des ZEW: Vier Ebenen

Ein Forschungsinstitut wie das ZEW lebt das WIR: Wissenschaft wird häufig als individuelle Leistung dargestellt – eine Forscherin, die eine Hypothese entwickelt; ein Forscher, der einen Datensatz auswertet; eine Idee, die nachts um drei entsteht. Dabei ist sie in ihrem Wesen kollektiv: Erkenntnisse entstehen im Dialog, im Widerspruch, in der Replikation und Kritik. Wissenschaftliche Artikel mit nur einem Autor oder einer Autorin sind rar. 

Im ZEW konstituiert sich dieses WIR auf vier Ebenen: 

Das WIR der Forschenden

Im Zentrum steht das WIR der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen selbst – die unmittelbare Forschungsgemeinschaft, in der Fragen entstehen, Methoden entwickelt und Erkenntnisse generiert werden. Hier entscheidet sich, ob eine Einrichtung als intellektuelle Gemeinschaft oder als bloßes Nebeneinander von Einzelprojekten existiert. Dies gilt in jeder unserer neun Forschungseinheiten und dort, wo die Einheiten über ihre Schwerpunkte hinaus zusammenarbeiten. Drängende Themen des Jahres 2025 – Strukturwandel, Wachstumsschwäche, Klimatransformation und Künstliche Intelligenz – haben wir gemeinsam bearbeitet. Die wissenschaftliche Qualität des ZEW gründet daher auf dieser ersten, engsten Ebene des Gemeinsamen: dem täglichen Austausch über Befunde, dem kritischen Kommentar zum Entwurf des Kollegen, der Bereitschaft, das eigene Urteil dem Urteil anderer auszusetzen.

Das WIR der Institution

Die zweite Ebene umfasst das ZEW als Institution mit seiner Geschichte, seinem Auftrag und seiner Verantwortung gegenüber Geldgebern, Gesellschaft und Wissenschaftsgemeinschaft. Institutionelles „Wir“ bedeutet: Reputation wird kollektiv erworben. Das 35-jährige Jubiläum des ZEW im Jahr 2026 ist Anlass zur Reflexion über das, was die Institution trägt und das, was sie weitertragen will.

Das WIR der Netzwerke

Drittens konstituiert sich das ZEW-Wir in seinen Netzwerken: in Gremien und Kommissionen, in Kooperationen mit Forschungseinrichtungen im In- und Ausland, in gemeinsamen Projekten innerhalb und außerhalb der Leibniz-Gemeinschaft. Es sind diese wiederholten Begegnungen, die Vertrauen aufbauen und aus einmaligen Kontakten nachhaltige Allianzen machen. 2025 hat das ZEW diese Netzwerkarbeit ausgebaut: durch neue Partnerschaften im europäischen Forschungsraum und durch Dialogplattformen, die Wissenschaft, Politik und Wirtschaft an einen Tisch bringen.

Das WIR der gesellschaftlichen Verantwortung

Die vierte und weiteste Ebene des WIR ist die gesellschaftliche: das ZEW als Teil einer demokratischen Öffentlichkeit, die auf evidenzbasierte Politikberatung angewiesen ist. Hier ist das Gegenüber nicht die Fachgemeinschaft, sondern es sind Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft. 2025 hat das ZEW diese Verantwortung konkret wahrgenommen – in der Bewertung staatlicher Investitionsprogramme, in der Analyse von Reformoptionen bei sozialen Sicherungssystemen sowie in der Beratung zur Ausgestaltung von Klimapolitik und zur Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen. Dass ZEW-Forschende dabei nicht nur publizieren, sondern persönlich Verantwortung übernehmen – als Vorsitzende der Expertenkommission Forschung und Innovation, im Wissenschaftsrat, in der Rentenkommission oder im Deutschen Ethikrat – zeigt, dass Politikberatung bei uns als Auftrag gelebt wird. 

Unterstützt wird die gesellschaftliche Wirkung durch Strukturen, die Wissenschaft nach außen öffnen, so die Plattform ZEW Co-Design als Begegnungsraum zwischen Forschung und Praxis, neue Transferformate wie der ZEW-Podcast „Wirklich Wirtschaft“ und das Neudenken von Politikberatung durch unsere Policy Initiatives.

Ausblick: Gemeinsam gestalten

Auf diesen vier Ebenen des WIR bewegt sich die Arbeit des ZEW auch im kommenden Jahr weiter. Gleichzeitig blickt das ZEW auf neue Felder; Kooperationen jenseits der etablierten Zentren stehen ebenso auf der Agenda wie der Ausbau der Gesundheitsökonomie als Forschungsbereich. Denn die drängendsten ökonomischen Fragen unserer Zeit verlangen nach neuen Partnerschaften und neuen Perspektiven: Wie gestaltet sich die Transformation zu einer klimaneutralen Wirtschaft? Wie lässt sich ein Gesundheitssystem finanzieren, das demographischem Wandel und medizinischem Fortschritt gleichermaßen standhält? Und welche Industriepolitik stärkt Europas Wettbewerbsfähigkeit, ohne den Wettbewerb selbst zu untergraben?

Zukunftsfähige Wirtschaftspolitik entsteht nicht im Alleingang. Sie entsteht im gemeinsamen Dialog von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft – durch das Übersetzen von Erkenntnis in Orientierung, von Analyse in Handlungswissen. In diesem Verständnis begreift sich das ZEW als aktiver Mitgestalter der Transformation:

Wir forschen, wir vernetzen, wir beraten – und wir ermöglichen.

Dieser Jahresbericht gibt Einblick in dieses WIR: in die Menschen, die es tragen; in die Projekte, die es füllen; in die Fragen, die es antreiben. Er ist keine Bestandsaufnahme von Zahlen und Leistungsindikatoren,  obwohl auch diese ihren Platz haben. Er ist vor allem ein Zeugnis davon, was möglich wird, wenn Forschung, Vernetzung, Beratung und Ermöglichung zusammenwirken.

In der Sprache der Spieltheorie: Wir spielen keine Nullsummenspiele. Wir setzen auf das Win-Win – und dieser Jahresbericht zeigt, was dabei herauskommt.

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