In Deutschland ist die wissensbasierte Produktions- und Entwicklungsstruktur ein wichtiges Merkmal der Biotechnologieindustrie. Technologische Impulse für neue Produkte, Verfahren und Dienstleistungen entstehen häufig in wissenschaftlichen Institutionen oder in Kooperation zwischen Unternehmen und solchen Institutionen. Dadurch ist die Bedeutung von Wissenschaftlern für die Biotechnologieindustrie im Vergleich zu anderen Branchen besonders hoch. Eine ganz besondere Rolle kommt in diesem Kontext auch dem Gründungsgeschehen durch Wissenschaftler, die im Bereich der Biotechnologie forschen, zu. Die von ihnen gegründeten Spinoffs werden als wichtige Transmissionsmedien angesehen, über die neue wissenschaftliche Erkenntnisse in wirtschaftliche Aktivitäten transferiert werden und so neue biotechnologische Produkte und Verfahren am Markt eingeführt werden und diffundieren.

Seit 2002 ist allerdings ein deutlicher - und in der Tendenz zunehmender - Rückgang der Gründungszahlen durch Wissenschaftler dieses Bereichs zu beobachten. Es stellt sich die Frage inwieweit das Spannungsfeld konkurrierender Orientierungen der Wissenschaftler, die eine Konzentration auf ein Tätigkeitsfeld - entweder die wissenschaftliche Arbeit oder die unternehmerische Marktaktivität - nahe legen, als Ursache für die verhaltene Gründungsaktivität von Biotechnologie-Forscher angesehen werden kann.

In diesem Forschungsprojekt sollen die Faktoren und Kriterien identifiziert werden, die Forscher veranlassen

  • zu gründen und die wissenschaftliche Arbeit einzustellen,
  • zu gründen und weiterhin in einer wissenschaftlichen Institution tätig zu sein oder
  • nicht zu gründen und sich ganz auf ihre wissenschaftliche Karriere zu konzentrieren.

Hierbei müssen das wirtschaftliche Umfeld (gute Konjunktur der letzten Jahre verbunden mit guten nichtselbstständigen Beschäftigungsmöglichkeiten), die deutlich gestiegene Forschungsfinanzierung (Exzellenzinitiative, Pakt für Forschung, die zu einer deutlichen Verbesserung der Beschäftigungsmöglichkeiten in der Wissenschaft geführt haben) und die Wertesysteme der wissenschaftlichen Institutionen (starke Betonung der wissenschaftlichen Exzellenz und der Publikationsleistungen bei Stellenbesetzungen) in die Überlegungen einbezogen werden.

In diesem Projekt wird ein Ansatz gewählt, der sich über die Identifikation der Wissenschaftler, die aktiv und erfolgreich auf dem Gebiet der Biotechnologie forschen dem Thema zuwendet und nicht über die neu gegründeten Biotech-Unternehmen. Zur Identifikation der im Bereich Biotechnologie aktiven Forscher werden zwei Zugangswege beschritten:

  1. Über eine Analyse der Biotechnologie-Patentanmeldungen der letzte Jahre werden die Wissenschaftler identifiziert, die als Erfinder oder Anmelder an der Patentierung beteiligt sind (die Analyse erfolgt auf Basis der PATSTAT des EPO und wird vom ZEW durchgeführt).
  2. Mittels einer bibliometrischen Analyse der SCI-Publikationen zu Biotechnologie in den letzten Jahren werden die auf diesem Feld publikationsstarken Wissenschaftler identifiziert, unabhängig davon welchem Wissenschaftsgebiet sie sich selber zurechnen (die Analyse wird von der Universität Leuven durchgeführt).

Über die Analyse der jeweiligen Verteilungen der so gefundenen Forscher werden die auf dem Gebiet der Biotechnologie forschungsstarken Forschungseinheiten identifiziert und die Wissenschaftler individuell (quantitative Erhebung, per online-Befragung durch das ZEW) und in Fokusgruppen (qualitativ durch das WZB) zu den oben genannten Punkten befragt um eine möglichst breite empirischen Basis für die in diesem Projekt interessierenden Fragen zu generieren.