Die jüngsten Entwicklungen haben deutlich werden lassen, dass neben den traditionellen Transmissionswegen konjunktureller Impulse - Außenhandel, Wechselkurse und internationaler Zinszusammenhang - weitere Übertragungsmechanismen analysiert werden müssen, um ein umfassendes Bild des internationalen Konjunkturzusammenhangs zu gewinnen. Das ZEW hat jetzt im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie untersucht, welche Bedeutung die Übertragung konjunktureller Impulse über die Finanzmärkte, im Unternehmenssektor sowie über das Geschäfts- und Konsumklima hat. Zunächst wurden die konjunkturellen Verflechtungen zwischen den USA, Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien in der Langfristperspektive untersucht. Berücksichtigt wurde dabei auch die Rolle exogener Ölpreisschocks. Insgesamt kassen die Ergebnisse keine deutlichen Anzeichen für eine deutliche Veränderung des Konjunkturverbunds in den Neunzigerjahren gegenüber den Siebziger- und Achtzigerjahren erkennen. Dies schließt jedoch nicht aus, dass einzelne Kanäle der Konjunkturübertragung an Bedeutung gewonnen oder verloren haben. Anhaltspunkte für eine gestiegene Bedeutung sind vor allem für den Finanzmarktkanal, aber auch für die Übertragung von Vertrauensimpulsen festzustellen. Dies gilt insbesondere für die "Ansteckung" der Aktienmärkte und der Vertrauensindikatoren durch Impulse aus den USA. Für weitergehende Wirkungen auf realwirtschaftliche Größen ließ sich jedoch keine wesentliche Verstärkung, sondern im Falle Deutschlands teilweise sogar ein schwächer werdender Einfluss feststellen. In Bezug auf den Unternehmenssektor ergab sich kein einheitliches Bild. Während unternehmensbezogene Analysen insbesondere für den High-tech-Bereich Hinweise auf die Relevanz des Kanals ergaben, war auf der Basis hoch aggregierter Daten eine eigenständige Bedeutung des Unternehmenskanals für die internationale Konjunkturübertragung nicht erkennbar. Für den Wirtschaftspolitiker stellt sich nach den Erfahrungen 2001/2002 die Frage, wie die Widerstandskraft der deutschen Wirtschaftsentwicklung gegen rezessive Einflüsse von außen gestärkt werden kann. Neben allgemeinen und wohlbekannten Punkten - flexible Märkte, nachhaltige Finanzpolitik, Preisniveaustabilität, regionale Diversifikation in der Export- und Finanzstruktur - können auch einige dezidierte Empfehlungen gegeben werden, die den Finanzmarktkanal, den Unternehmenskanal und den Vertrauenskanal betreffen. Die Auswirkungen des Aktienmarktes auf Konsum und Investitionen dürften in Phasen von Marktübertreibungen besonders groß sein. Daher sollte die Verbesserung politischer Rahmenbedingungen vor allem auf eine Verstetigung der Aktienkursentwicklung durch weitere Integration der europäischen Kapitalmärkte abzielen. Die Umstellung von einer umlagefinanzierten zu einer stärker kapitalgedeckten Finanzierung der Altersvorsorge sollte ebenfalls zu einem positiven Effekt führen. Die Ergebnisse zum Unternehmenssektor stützen tendenziell die Hypothese, dass regionale und sektorale Diversifikation konjunkturstabilisierend wirkt. Insofern wäre es unter der Zielsetzung der Glättung des Konjunkturzyklus kontraproduktiv, grenzüberschreitende Mergers & Acquisitions zu behindern. Die Analysen zum Vertrauenskanal haben vor allem ergeben, dass die amerikanischen Vertrauensindizes vermutlich einen erheblichen Einfluss auf die europäischen ausüben. Dieser Einfluss steht in einem gewissen Missverhältnis zur Bedeutung des US-amerikanischen Wirtschaftswachstum und des bilateralen Außenhandels mit den USA und könnte durch eine entsprechende Ausrichtung der Öffentlichkeitsarbeit möglicherweise gemindert werden. Allgemein ist die regelgebundene Koordination, wie sie im europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt praktiziert wird, auch im Kontext der Konjunkturtransmission sinnvoll. Diese Regeln zielen auf die Stärkung einer nachhaltigen Finanzpolitik und sind somit geeignet, die Immunisierung europäischer Volkswirtschaften gegen weltwirtschaftliche Störungen zu fördern.

Ausgewählte Publikationen

Beiträge in referierten Fachzeitschriften

Schröder, Michael (2003), Interactions between US and German GDP: The Role of Stock Markets, Applied Economics Quarterly Supplement 54, 99-124.

Monographien, Beiträge in Sammelbänden

Schröder, Michael und Peter Westerheide (2003), Finanzmärkte, Unternehmen und Vertrauen, ZEW-Wirtschaftsanalysen, LLL:citation.label.volume 64, Nomos, Baden-Baden.