Die wirtschaftliche Prosperität von Regionen hängt unter anderem von ihrer Fähigkeit ab, ein für Hochqualifizierte attraktiver Standort zu sein. Ein besseres Verständnis der Bestimmungsgründe selektiver Migrationsströme ist daher eine wichtige Voraussetzung für die Gestaltung politischer Maßnahmen zur Verhinderung von Brain-Drain-Phänomenen.

Die bisherige Literatur geht davon aus, dass Individuen die Region wählen, die für ihre Humankapitalausstattung die beste Rendite verspricht. Bei der Wahl zwischen zwei Regionen mit demselben durchschnittlichen Lohnniveau sollte ein Hochqualifizierter daher die Region mit der größeren Bildungsrendite und damit der größeren Lohnungleichheit wählen. Gering Qualifizierte sollten hingegen diese Regionen meiden, da eine höhere Lohnungleichheit für sie geringere Lohneinkommen erwarten lässt. Empirische Studien für die USA konnten die Relevanz eines solchen Selektionsmechanismus wiederholt nachweisen, während dies im deutschen Kontext bisher kaum gelang. Eine mögliche Ursache dafür könnten regionale Lohnrigiditäten als Folge nationaler, auf Branchenebene geführter Lohnverhandlungen sein. In diesem Fall kommen regionale Einkommensunterschiede vermutlich eher über Beschäftigungsunterschiede zustande, so dass ein beschäftigungsbasierter Selektionsmechanismus wirksam werden könnte. Da Beschäftigungschancen tendenziell mit dem Humankapital eines Individuums steigen, sollten gering Qualifizierte wiederum Regionen meiden, die für sie aufgrund einer hohen Beschäftigungsungleichheit mit einem hohen Arbeitslosigkeitsrisiko einhergehen.

In einem um diesen Beschäftigungsmechanismus erweiterten theoretischen Rahmen zeigt das Papier, dass Regionen eine umso qualifiziertere Zuwanderung erfahren, je höher sowohl das regionale Lohn- und Beschäftigungsniveau als auch die Lohn- und Beschäftigungsungleichheit sind. Anschließend werden diese Vorhersagen für Bruttowanderungsströme zwischen 27 Regionen in Deutschland getestet. Dafür wird zunächst die durchschnittliche Humankapitalausstattung eines jeden Stroms über einen Zeitraum von zehn Jahren geschätzt und anschließend auf interregionale Unterschiede in den Parametern der regionalen Lohn- und Beschäftigungsverteilungen regressiert. Die Ergebnisse bestätigen die Bedeutung eines beschäftigungsbasierten Selektionsmechanismus. Eine Region zieht eine umso qualifiziertere Zuwanderung an, je höher die durchschnittlichen Beschäftigungschancen (je niedriger die Arbeitslosenrate) und je ungleicher die Beschäftigungschancen unter den regionalen Erwerbspersonen verteilt sind. Regionale Lohnunterschiede spielen für die selektive Wanderung in Deutschland hingegen keine Rolle. Im Vergleich zum Standardmodell zeigt sich, dass das erweiterte Modell besser in der Lage ist, den beobachteten Nettoverlust an Humankapital aus Ostdeutschland zu erklären. Im Fall regional wenig flexibler Löhne, wird die räumliche Allokation von Humankapital somit stärker über die Beschäftigungsseite determiniert, ein Ergebnis, dass auch in anderen Ländern von Relevanz sein dürfte. Wirtschaftspolitische Maßnahmen zur Vermeidung eines Brain Drains sollten daher nicht allein auf Lohnkonvergenz zielen, sondern auch Wirkungen ungleicher Beschäftigungschancen berücksichtigen.

Autoren

Arntz, Melanie
Gregory, Terry
Lehmer, Florian

Schlagworte

gross migration, selectivity, wage inequality, employment inequality