In dem vorliegenden Papier entwickeln wir ein agentenbasiertes Modell für den Finanzmarkt. Die agentenbasierte Modellierung stellt eine in den Wirtschaftswissenschaften an Bedeutung gewinnende Methodik dar, in der eine Vielzahl von dezentral handelnden Einheiten (bspw. Finanzmarktakteure) mit Hilfe von Computersimulationen abgebildet und analysiert werden. Die sich aus der Interaktion heterogener Agenten herausbildenden Systemeigenschaften und Strukturen sind Untersuchungsgenstände agentenbasierter Modelle.

Die beschränkt rationalen Agenten handeln in diesem Modell ein Wertpapier aufgrund unterschiedlicher Renditeerwartungen, welche auf Basis einer Fundamentalwert- und einer Chartistenstrategie geformt werden. Die Agenten weisen eine Bilanz auf, welche aus dem riskanten Vermögensgegenstand und risikofreien liquiden Mitteln auf der Aktivseite, sowie aus Fremd- und Eigenkapital auf der Passivseite besteht. Aus dem Handelsprozess zwischen den Agenten entsteht ein endogener Preis. Agenten verwalten ihre Bilanz aktiv unter zwei Gesichtspunkten: Erstens wählen sie ein Portfolio, welches das Verhältnis zwischen riskantem Vermögensgegenstand und liquiden Mitteln abhängig von ihrer aktuellen Renditeerwartungen optimiert; zweitens visieren sie ein fixes Verhältnis zwischen Fremd- und Eigenkapital (Leverage) an. Die Fähigkeit der Agenten Fremdkapital zu beziehen oder abzustoßen ist durch das Kreditangebot eines Finanziers auf Basis eines Risikomanagementsystems sowie durch Kreditfriktionen beschränkt, welche die Agenten in der unmittelbaren Anpassung ihres Fremdkapitalniveaus behindert.

Auf Basis von Simulationen können in dem Modell verschiedene empirisch beobachtbare Fakten und Beziehungen reproduziert werden. Obwohl die Agenten zunächst mit identischen Bilanzen ausgestattet sind, konvergiert die Größenverteilung schnell zu einer lognormal-Verteilung, wie sie auch typischer Weise bei Investmentbanken beobachtet wird. Darüber hinaus können wir auch eine natürliche Tendenz zum Anstieg der Ungleichheit im Zeitverlauf feststellen. Bei Simulationsläufen des Modells mit geringen Kreditfriktionen, wird der Leverage prozyklisch, wie es auch bei Investmentbanken beobachtbar ist.

In einem weiteren Schritt variieren wir zentrale Modellparameter exogen um deren Wirkung auf die Finanzmarktstabilität zu untersuchen. Die Variation des Ziel-Leverages führt bei erhöhtem Niveau zu höherer Preisvolatilität, eine höheren Anzahl an Insolvenzen und höherem systemischen Risiko. Es ist kaum überraschend, dass eine höhere Verschuldung der Marktteilnehmer die Fragilität des Finanzsystems erhöht. Auf der anderen Seite weist das Niveau der Kreditfriktionen (ein niedrigeres Niveau kann hierbei als das Ausmaß der Kurzfristfinanzierung interpretiert werden) komplexe Rückwirkungen auf. Konkret senken geringe Kreditfriktionen die Anzahl der Insolvenzen, welche in einer vordefinierten Zeitspanne auftreten, erhöhen jedoch gleichzeitig die Möglichkeit von extremen Ereignissen. Schwerwiegende Liquiditätskrisen, welche zu einem Zusammenbruch des ganzen Finanzsystems führen können, ereignen sich mit einer höheren Frequenz. Geringe Kreditfriktionen führen somit in dem Modell zu einem Finanzsystem, welches im Normalfall stabiler ist, jedoch mit einem erhöhten systemischen Risiko einhergeht. Die Einführung eines „Lender of Last Resort" und einer Instanz, welche insolvente Agenten graduell abwickelt, können jedoch zu einer Stabilisierung des Finanzmarkts im Modell beitragen.

Fischer, Thomas und Jesper Riedler (2012), Prices, Debt and Market Structure in an Agent-Based Model of the Financial Market, ZEW Discussion Paper No. 12-045, Mannheim. Download

Autoren

Fischer, Thomas
Riedler, Jesper

Schlagworte

Agent-Based Model, Financial Markets, Leverage, Systemic Risk, Credit Frictions