Seit dem Jahr 2004 hat die Europäische Kommission eine Reihe von Schritten unternommen, einen rechtlichen Rahmen zu entwickeln, der es durch Wettbewerbsverstöße geschädigten Parteien erlaubt, eine entsprechende Kompensation zu erhalten. So veröffentlichte die Kommission beispielsweise im Jahr 2005 ein Grünbuch zur privatrechtlichen Durchsetzung des Kartellrechts, in dem sie insbesondere die vielfältigen Probleme einer Quantifizierung des entstehenden Schadens als eine große Hürde in der Umsetzung identifizierte. Im sich anschließenden Weißbuch aus dem Jahre 2008 kündigte die Kommission dann die Entwicklung von umfassenden aber unverbindlichen Richtlinien zur Schadensermittlung an. Ein erster Entwurf dieser Richtlinien wurde im Juni 2011 publiziert.

Obwohl die aktuell stattfindende öffentliche wie wissenschaftliche Diskussion der verschiedenen Methoden und Modelle der Schadensermittlung ein wichtiger und notwendiger Schritt zur Stärkung der privatrechtlichen Durchsetzung des Kartellrechts ist, kommt die Würdigung der Herausforderungen einer praktischen Umsetzung der entsprechenden Methoden oftmals zu kurz. Da die finale Schadenssumme sowohl von den nachgefragten Mengen des Kartellgutes als auch dem kartellinduzierten Anstieg der Marktpreise abhängt, wird insbesondere die Bedeutung einer robusten Schätzung des sogenannten kartellbedingten Preisaufschlags für eine schlüssige und wohlfahrtserhöhende privatrechtliche Durchsetzung des Kartellverbots unmittelbar deutlich.

Vor diesem Hintergrund nutzen wir öffentlich verfügbare Daten zu einem deutschen Zementkartell für eine Abschätzung des vom Kartell durchgesetzten Preisaufschlags. Konkret wenden wir zwei unterschiedliche komparatorenbasierte Schätzverfahren an – die Methode des zeitlichen Vergleichsmarkts und die ‚Difference-in-differences’-Methode – und untersuchen insbesondere den Einfluss verschiedener Annahmen im Hinblick auf die Übergangsperiode von der Kartellabsprache zum Wettbewerb auf die Höhe des Preisaufschlags. Unsere Schätzungen ergeben einen Preisaufschlag zwischen 20,3 Prozent (erweitertes Modell mit instrumentierter Zementnachfrage) und 20,7 Prozent (Basismodell) für die Methode des zeitlichen Vergleichsmarkts und zwischen 26,2 Prozent (‚pooled OLS’) und 26,5 Prozent (‚Random Effects’) für die ‚Difference-in-differences’-Methode. Für das erweiterte Modell des zeitlichen Vergleichsmarkts zeigen wir ferner, dass verschiedene Annahmen zur Übergangsperiode vom Kartell- zum Nicht-Kartellzeitraum einen signifikanten Einfluss auf den geschätzten Preisaufschlag haben.

Hüschelrath, Kai, Kathrin Müller und Tobias Veith (2012), Concrete Shoes for Competition - The Effect of the German Cement Cartel on Market Price, ZEW Discussion Paper No. 12-035, Mannheim. Download