ZEW-Umfrage unter Finanzmarktexperten - Kaum langfristiger Nutzen der Olympiade für Chinas Wirtschaft

Forschung

Durch die Sommerolympiade in Peking rückt China in den nächsten Wochen in den Blick der Weltöffentlichkeit. Auf die chinesische Wirtschaft dürften die Olympischen Spiele langfristig aber nur geringe Auswirkungen haben. Auch direkte Impulse des weltgrößten Sportevents auf die chinesischen Aktienmärkte sind kaum zu erwarten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim unter rund 300 Analysten und institutionellen Anlegern aus Banken, Versicherungen und großen Industrieunternehmen.

Im Vorfeld der Olympischen Spiele hat die chinesische Wirtschaft – insbesondere der Bausektor – von den öffentlichen Ausgaben zum Ausbau der Infrastruktur erheblich profitiert. Zu bezweifeln ist hingegen, dass diese Investitionen einen langfristigen Effekt für die Volkswirtschaft haben. Gewöhnlich wird argumentiert, sportliche Großveranstaltungen würden auf Grund der Werbewirkung für den Standort und auf Grund verbesserter Infrastruktur zu einem höheren Wirtschaftswachstum im Gastgeberland beitragen. Für China erwarten die ZEW-Finanzmarktexperten, dass dieser Effekt mit Blick auf die nächsten drei bis fünf Jahre wohl nur begrenzt zum Tragen kommen dürfte. Nur etwas mehr als ein Drittel der Experten geht von leichten positiven Auswirkungen der Olympischen Spiele auf die chinesische Wirtschaft aus. Mehr als die Hälfte der vom ZEW befragten Experten sieht weder positive noch negative Effekte und somit keinen nachhaltigen Nutzen für die Wirtschaft. Von sehr positiven oder sehr negativen Effekten geht hingegen kein Analyst aus. "Die Investitionen für die Olympiade konzentrieren sich hauptsächlich auf die Region um Peking. Für die gesamte chinesische Volkswirtschaft ist der Sondereffekt durch Olympia daher wohl eher gering", sagt Christian David Dick, Wissenschaftler am ZEW.

In den vergangenen Jahren hat auch die Aussicht auf die Olympischen Spiele ihren Teil dazu beigetragen, eine Aufbruchsstimmung in China zu erzeugen. Diese hat die Börsen in Shanghai und Hongkong bis Oktober 2007 auf Rekordwerte steigen lassen. Seither sind die Kurse jedoch wieder stark gefallen. So notierte in Hongkong der Hang Seng-Index zuletzt bei etwa 22.500 Punkten (nach über 30.000 Punkten im Oktober 2007) und der SSE Composite-Index in Shanghai bei etwa 2.700 Punkten (nach einem Höchststand von über 6.000 Punkten im Oktober 2007).

Die geringere Dynamik am chinesischen Aktienmarkt macht sich auch in den Antworten auf die Frage, wie deutsche Investoren chinesische Aktien in ihren Portfolios innerhalb des nächsten Jahres gewichten werden, bemerkbar. Etwa 35 Prozent der befragten Analysten rechnen mit einer Aufstockung von chinesischen Aktien in den Depots, wohingegen 22 Prozent von einer Reduzierung ausgehen. Der größte Anteil der Experten (43 Prozent) erwartet, dass die Gewichtung unverändert bleiben wird.

"Das Votum der Experten signalisiert, dass die Investoren abwarten. Für deutsche Investoren wird nicht die Olympiade über den Kauf oder Verkauf chinesischer Aktien entscheiden", sagt Qingwei Wang, Wissenschaftler am ZEW. Vielversprechend an China ist für die vom ZEW befragten Analysten vor allem die von einer robusten Inlandsnachfrage getragene dynamische Wirtschaftsentwicklung. Risiken sehen die Experten hingegen insbesondere in der hohen Inflation sowie in der Unsicherheit darüber, ob die Kursrückgänge der vergangenen Monate zu Ende sind oder ob weitere Korrekturen bevorstehen. Zudem schätzen mehr als die Hälfte der Finanzmarktexperten eine mögliche Einflussnahme der chinesischen Regierung auf die Aktienkurse als Risiko beziehungsweise großes Risiko ein.

Ansprechpartner

Christian Dick, Telefon: 0621/1235-305, E-Mail: dick@zew.de

Qingwei Wang, Telefon: 0621/1235-142, E-Mail: wang@zew.de