Europa steht vor einem Innovationsrätsel. Trotz hoher Forschungsinvestitionen und marktführender globaler Unternehmen, kommen disruptive und radikale Innovationen meist aus anderen Teilen der Welt. Ein Grund dafür sind finanzielle Engpässe europäischer Unternehmen – diese finanzielle Förderungslücke schließen sogenannte Business Angels, private Investoren, die junge Unternehmen und Start-Ups mit Kapital und Erfahrung unterstützen. Wie kann Europa von Investitionen der Business Angels stärker profitieren? Diese zentrale Frage stand im Mittelpunkt der ZEW Lunch Debate „On Angels’s Wings: Can Business Angels Stimulate European Innovation?“ am 22. November 2017 in der Brüsseler Vertretung des Landes Baden-Württemberg bei der Europäischen Union.

Bei der ZEW Lunch Debate ging es um die Bedeutung von Business Angels als Förderquelle für innovative Start-ups.
Bei der ZEW Lunch Debate ging es um die Bedeutung von Business Angels als Förderquelle für innovative Start-ups.

„Innovative, junge Unternehmen brauchen mehr Kapital“, eröffnete Dr. Maikel Pellens, Senior Researcher im ZEW-Forschungsbereich „Innovationsökonomik und Unternehmensdynamik“, die Veranstaltung in seinem Fachvortrag. „Jedes fünfte Unternehmen in der EU-16 meldet mangelnde finanzielle Ressourcen als signifikantes Innovationshemmnis.“ Klassische Geldgeber, wie Banken und Risikokapitalgeber, würden davor zurückscheuen, ertragreich zu investieren. Sie seien zu risikoavers, zu unflexibel, zu wenig verfügbar oder investieren erst in einem späteren Stadium in innovative Start-ups. Business Angels hätten diese Einschränkungen nicht, so Pellens, und könnten daher eher riskante Investitionen in Unternehmen im Frühstadium tätigen und geduldig darauf warten, dass diese Investitionen Früchte tragen.

"Das Wachstumspotenzial von Business-Angels-Investitionen ist steigend"

Die Bedeutung von BA-Investitionen veranschaulichte Pellens anhand aktueller Forschungsergebnisse des ZEW: „Hightech-Unternehmen werden mehr als doppelt so häufig von Business Angels im Vergleich zu Risikokapitalgebern finanziert.“ Hinzu komme, dass Business Angels noch aktiver in anderen Sektoren seien: Auf jede Investition in ein Hightech-Unternehmen kämen Investitionen in acht Unternehmen in Nicht-High-Tech-Sektoren. „Das Wachstumspotenzial der Investitionen ist dabei steigend: 60 Prozent der europäischen Business Angels gehen davon aus, in Zukunft mindestens fünf Prozent mehr Geld als bisher zu investieren“, folgerte Pellens. Bereits in der Retrospektive habe diese Finanzierungsstruktur an Bedeutung gewonnen: Das Transaktionsvolumen von Investitionen, in denen Business Angels involviert waren, habe sich seit 2007 fast verdoppelt. Business Angels seien daher relevante, notwendige und übliche Förderer innovativer Start-ups. Grund genug, sie auch von Seiten der Politik zu fördern.

Welcher politische Handlungsbedarf auf europäischer Ebene für Business Angels nötig ist, zeigte die angeregte Podiumsdiskussion im Anschluss an die Eingangspräsentation. Mit Dr. Georg Licht, Leiter des ZEW-Forschungsbereichs „Innovationsökonomik und Unternehmensdynamik“, diskutierten Phillipe Gluntz, Präsident von „Business Angels Europe“, Helen Köpman, stellvertretende Referatsleiterin „Innovation“ bei der Generaldirektion Kommunikationsnetze, Inhalte und Technologien (DG Connect) der EU-Kommission, sowie Chiara Frencia, die das Brüsseler Büro des Beratungsdienstleister für Technologie- und Innovationsmanagement Inova+ leitet. Moderiert wurde die Debatte von Dr. Ute Günther, Vorstandsmitglied im Business Angels Netzwerk Deutschland e.V. (BAND) sowie BAE-Vizepräsidentin.

"Wir brauchen eine Harmonisierung verschiedener europäischer Ansätze"

„Start-ups haben nur begrenzte Möglichkeiten, eine angemessene Finanzierung zu finden – Business Angels ebnen diesen Weg immer mehr durch Anzahl und Höhe ihrer Investitionen“, antwortete Gluntz auf die Frage zur Rolle von BA-Investitionen in Start-Ups. Helen Köpman machte in diesem Zusammenhang auf das Problem aufmerksam, dass sowohl die Entwicklung eines Start-ups als auch Innovationsprozesse kompliziert seien. „Wir müssen die Bedürfnisse von Investoren und Innovatoren gleichermaßen auf einen Nenner bringen“, so Köpman. Georg Licht forderte indessen, nicht nur die finanzielle Förderung von Business Angels zu betrachten: „Start-ups profitieren von der unternehmerischen Erfahrung der Business Angels. Sie sind wichtige Quellen für informelle Beratungen mit riesigen Netzwerken, die genutzt werden können. Das hat auf lange Sicht einen positiven Einfluss auf das wirtschaftliche Wachstum und letztlich auf Innovationen der Unternehmen.“ „Das Mentoring darf allerdings nicht nur wie bisher auf lokaler Ebene stattfinden, sondern muss stärker europaweit ermöglicht werden“, pflichtete Frencia bei.

Die Diskutanten waren sich dabei einig, dass es europaweit viele Hindernisse, aber auch Chancen für die Politikgestaltung gebe. „Derzeit besteht Europa aus einer fragmentierten Landschaft politischer Maßnahmen, die letztlich zu verschiedenen europäischen Business-Angels-Märkten führen. Ein länderübergreifendes Handeln ist für Business Angels schwierig. Eine Harmonisierung und grenzüberschreitende Adaption erfolgreicher Programme ist wünschenswert“, so Licht. Grundvoraussetzung sei dabei ein starkes finanzielles Ökosystem. Gluntz warf ein, dass Risikokapitalinvestitionen in europäische Finanzökosysteme weit weniger ausgebaut seien als in den USA. Durch fehlende länderübergreifende Anreize wanderten viele forschungsintensive Start-ups ab. „Wir müssen eine vertrauensvolles europäisches Umfeld für Business Angels mit neuen Investierungsmodellen, Training und Kontrollmöglichkeiten schaffen“, schloss Frencia. 

Gestaltungsmöglichkeiten für einen europaweiten Business-Angels-Markt schaffen

Viele der 50 Gäste, darunter Vertreterinnen und Vertreter der EU-Kommission und des Europäischen Parlaments sowie Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Industrie und Banken, beteiligten sich lebhaft am Austausch und erweiterten die Debatte. Wie können wir im derzeitigen europäischen Finanzsystem mehr Kapital für junge Unternehmen zur Verfügung stellen? Wie kann Europa steuerliche Barrieren für Business Angels beseitigen? Und was ist der nächste Schritt hin zu einem europaweiten, harmonisierten Business-Angels-Markt? Fragen, die die Notwendigkeit einer vertieften Auseinandersetzung mit Gestaltungsmöglichkeiten für Business Angels verdeutlichen.

Datum

24.11.2017

Kategorie
  • ZEW Lunch Debate in Brüssel
Schlagworte

Europa | Innovation

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