„Wohlstand für Alle“ verspricht den Deutschen die Soziale Marktwirtschaft. Doch spätestens seit der Wiedervereinigung klaffen Anspruch und Wirklichkeit bei diesem Versprechen weit auseinander. So kommt vom jährlichen Anstieg des Wirtschaftswachstums bei den unteren 40 Prozent der Gesellschaft mittlerweile kaum noch etwas an, während die höchsten Einkommen in den Jahren von 1991 bis 2014 jährlich um durchschnittlich 1,3 Prozent gewachsen sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Mannheim, im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.

Eine zunehmend ungleiche Einkommensverteilung und eine höhere Armutsrisikoquote gefährden die inklusive Wohlstandsverteilung in Deutschland.
Eine zunehmend ungleiche Einkommensverteilung und eine höhere Armutsrisikoquote gefährden die inklusive Wohlstandsverteilung in Deutschland.

Die Studie zeigt: Die deutsche Wirtschaft wächst seit Jahrzehnten stabil und der materielle Wohlstand ist aktuell so groß wie nie zuvor. Indessen gefährden eine zunehmend ungleiche Verteilung von Einkommen und eine höhere Armutsrisikoquote die inklusive Wohlstandsverteilung, das heißt breite Schichten der Bevölkerung haben weder über steigende Arbeitseinkommen noch Vermögenserträge einen Anteil am jährlich wachsenden Wohlstand.

Zur Bewertung der Inklusivität der Sozialen Markwirtschaft in Deutschland betrachten die ZEW-Wissenschaftler, die die Studie erstellt haben, Wirtschaftswachstum, Ungleichheit der Einkommens- und Vermögensverteilung, Chancengerechtigkeit und Armutsrisiken seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Dabei wird sichtbar, dass die praktische Umsetzung des wirtschaftspolitischen Leitbilds der Sozialen Marktwirtschaft seit 1949 mit einer stabil positiven wirtschaftlichen Entwicklung einherging. Rezessionen sind vor allem im Kontext externer wirtschaftlicher Schocks zu sehen. Zudem hat die Bundesrepublik seit 1950 keine lang dauernde Phase negativen Wachstums erlebt: Auf Rezessionsjahre folgten immer positive Anpassungen in den Folgejahren. Insgesamt deuten die Ergebnisse auf eine strukturelle Robustheit wirtschaftspolitischer Institutionen in der Bundesrepublik hin.

Zugewinne höherer Einkommensschichten treiben Ungleichheit

Ein Treiber der wachsenden Ungleichheit sind die starken Zugewinne der höheren Einkommensschichten. Im Gegensatz dazu profitieren die unteren Einkommensschichten kaum vom Wirtschaftswachstum. Das Einkommenswachstum der unteren 40 Prozent der Bevölkerung bleibt seit Ende der 1990er Jahre deutlich hinter dem Wachstum der durchschnittlichen Einkommen zurück. Ein wichtiger Faktor zur Erklärung der Ungleichheitsentwicklungen ist neben dem Einkommen die starke Heterogenität in den wirtschaftlichen Entwicklungspfaden einzelner Regionen in Deutschland.

Die Studie beschäftigt sich auch mit Chancengerechtigkeit und Armutsdynamiken in Deutschland. Bei der Chancengerechtigkeit ergibt sich ein relativ positives Bild: Lediglich 13 Prozent der Einkommensungleichheit lassen sich im Jahr 2014 auf die ungerechte Verteilung von Chancen zurückführen, während dieser Prozentsatz im Jahr 1992 noch bei 19 Prozent lag. Aufgeschlüsselt nach verschiedenen Erklärungsfaktoren ergibt sich ein differenziertes Bild: „Während wir positive Entwicklungen mit Blick auf die Verringerung der Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen feststellen, besteht auch mehr als 25 Jahre nach der Wiedervereinigung ein großer Einkommensunterschied zwischen Menschen aus Ost- und Westdeutschland“, sagt Martin Ungerer, Wissenschaftler in der ZEW-Forschungsgruppe „Internationale Verteilungsanalysen“ und Mitautor des Gutachtens. Ein Faktor der sich ebenfalls in zunehmendem Maße auf die Ungleichheit auswirkt, ist die sozioökonomische Stellung des Elternhauses.

Armutsrisikoquote in Deutschland steigt

Trotz des Beschäftigungsbooms der vergangenen zehn Jahre hat sich die Armutsrisikoquote in Deutschland im betrachteten Zeitraum (1962 bis 2015) von 9,8 Prozent auf 15,4 Prozent erhöht und aktuell einen Höchststand erreicht. Bei Betrachtung der historischen Entwicklung, sind in bestimmten Zeiträumen unterschiedliche Gesellschaftsgruppen von Armut betroffen: Während in den Jahren des Wirtschaftswunders vor allem alleinstehende Rentner/innen von Armut bedroht waren, sind es am aktuellen Rand Einpersonenhaushalte im erwerbstätigen Alter. Besonders kritisch ist in diesem Zusammenhang auch die seit Ende der 1980er Jahre stark gestiegene Armutspersistenz zu bewerten. Lag die durchschnittliche Verweildauer unterhalb der Armutsrisikogrenze 1991 noch bei etwa 2,5 Jahren, so ist diese seit 2008 auf mehr als drei Jahre gestiegen.

Um die Wohlstandsentwicklung und -verteilung seit den 1950er Jahren anschaulich zu machen, haben die ZEW-Wissenschaftler einen Indikator für inklusives Wachstum entwickelt, der die heterogenen Entwicklungen von Ungleichheit, Armut und Wirtschaftswachstum in Deutschland zusammenfasst. „Der Verlauf des Indikators zeigt, dass die Wirtschaft der Bundesrepublik bis zum Vorabend der deutschen Wiedervereinigung stark und inklusiv gewachsen ist. Danach allerdings verläuft die Wohlstandssteigerung auf einem wesentlich flacheren Niveau“, erklärt Ungerer. „Möglichst viele Menschen an den Wohlstandsgewinnen in Zukunft teilhaben zu lassen, bleibt somit eine der zentralen Herausforderungen für eine tragfähige Soziale Marktwirtschaft.“

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