In Umfragen zum Einkommen von Paaren geben sowohl Frauen als auch Männer überdurchschnittlich häufig an, dass die Frau gerade etwas weniger verdient als ihr Partner. Ein Blick in die amtlichen Daten zum tatsächlichen Einkommen bestätigt diese Angaben indessen in vielen Fällen nicht. Verdient die Frau in Wirklichkeit mehr, passen viele der Befragten ihre Einkommensangabe so an, dass sie weniger verdient, um damit der männlichen Ernährer-Norm zu entsprechen. Diese Falschangaben sind dann besonders häufig, wenn die Frau einen geringeren oder gleichen Bildungsgrad hat oder wenn sie weniger Stunden arbeitet als der Mann, aber dennoch mehr verdient. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie des ZEW Mannheim und der Universität Basel.

Ein Mann und eine Frau sitzen vor einem Laptop und vergleichen Papiere, die sie in den Händen halten.
Manche Paare geben in Umfragen den Anteil der Frau am gemeinsamen Einkommen geringer an als er tatsächlich ist.

Für die Untersuchung wurden die Einkommensangaben bei einer Umfrage in der Schweiz mit den Daten der befragten Personen aus der amtlichen Statistik verglichen. Viele Teilnehmer/innen geben in der Umfrage an, dass die Frau gerade etwas weniger oder genauso viel verdient wie ihr Partner. Die Anzahl der Personen die angeben, dass die Frau mehr verdient, ist deutlich kleiner. Die amtlichen Daten für die gleichen Personen zeigen allerdings, dass für Paare, bei denen die Frau in Wirklichkeit mehr verdient, die Angaben in Umfragen häufig vom wahren Einkommen abweichen.

Geschlechternormen beeinflussen Einkommensangaben

In der Umfrage machen besonders die Personen falsche Angaben, in deren Partnerschaft der Einkommensanteil der Frau über 50 Prozent liegt. Falsche Angaben machen sowohl Frauen als auch Männer und zwar sowohl mit Blick auf das eigene Einkommen als auch auf das Einkommen des Partners bzw. der Partnerin. Allerdings ist die Tendenz, das Einkommen des Mannes überhöht anzugeben, bei beiden Geschlechtern stärker ausgeprägt. Da hierbei der Einkommensanteil der Frau systematisch unter 50 Prozent gesetzt wird, deuten die Studienautorinnen dieses Antwortverhalten als Hinweis auf eine traditionelle gesellschaftliche Norm, der zufolge der Mann Ernährer und Hauptverdiener ist.

„Unsere Daten zeigen, dass unter den Personen, die Falschangaben machen, der Anteil der Paare größer ist, bei denen die Frau mehr verdient, obwohl der Mann höher oder gleich gebildet ist“, sagt Dr. Michaela Slotwinski, Wissenschaftlerin im ZEW-Forschungsbereich „Soziale Sicherung und Verteilung“ sowie Mitautorin der Studie. „Das liegt möglicherweise daran, dass es die männliche Identität bedroht, einzugestehen, dass die Frau mehr verdient, obwohl sie nicht über mehr Bildung verfügt als der Mann. Entsprechendes gilt, wenn die Frau weniger oder gleich viele Stunden arbeitet und trotzdem ein höheres Einkommen erzielt. Diese Paare sind bei den Falschangaben ebenfalls häufiger vertreten.“

Darüber hinaus zeigt die Studie, dass auch Männer und Frauen, in deren Partnerschaft die Frau zwischen 48 und 50 Prozent des gemeinsamen Einkommens verdient, den weiblichen Anteil im Durchschnitt oft niedriger angeben, als er tatsächlich ist. Dies könnte man als vorsorgliche Falschangabe verstehen, die verhindern soll, dass das angegebene Einkommen der Frau versehentlich über dem des Mannes liegt

Umfragedaten lassen Lohnunterschied größer wirken, als er ist

Während man also basierend auf Umfragedaten schlussfolgern könnte, dass Frauen ihr Arbeitsangebot anpassen, um nicht mehr zu verdienen als ihr Partner, stellt sich heraus, dass dies gar nicht der Fall ist. Feststellen lässt sich allerdings, dass die Einkommensangaben ab einem Einkommensanteil der Frau von etwa 48 Prozent auf die Norm reagieren. Folglich könnten Umfragedaten mitunter weniger informativ hinsichtlich des Verhaltens der Individuen sein, als bisher angenommen.

„Die Falschangaben führen zu einer systematischen Unterschätzung der Einkommen von Frauen und einer Überschätzung der Einkommen von Männern in Umfragedaten. Das kann zum Beispiel dazu führen, dass die verzerrten Umfrageergebnisse den geschlechtsspezifischen Lohnunterschied, den sogenannten Gender Wage Gap, größer darstellen, als er in Wirklichkeit ist“, sagt Michaela Slotwinski. „Und das könnte sich wiederum auf die Ausgestaltung politischer Maßnahmen zur Bekämpfung des Gender Wage Gap auswirken, die sich auf diese Umfragen berufen.“ Der tatsächliche geschlechtsspezifische Lohnunterschied wird basierend auf den betrachteten Umfragedaten um neun bis 13 Prozent überschätzt. Läge der tatsächliche Gender Wage Gap also bei etwa zehn Prozent, dann würde er basierend auf den Umfragedaten auf 10,9 bis 11,3 Prozent geschätzt.

Datum

07.02.2020

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