Das Ziel dieser Studie besteht in der ökonomischen Analyse der Dekarbonisierungsstratie 2050 ("Roadmap for moving to a low-carbon economy in 2050") hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die europäische Union (EU-27) – auf der makro- und mikroökonomischen Ebene. Das zugrunde liegende Strategiepapier wurde in 2011 von der EU-Kommission veröffentlicht. Es strebt eine Reduktion der Treibhausgasemissionen von mehr als 80% in 2050 gegenüber 1990 sowie eine Ausdehnung des Anteils erneuerbarer Energien in der Elektrizitätsgewinnung auf 50% oder mehr in 2050 an. Verglichen zum Strategiepapier der EU Kommission untersuchen wir unter Anderem Wohlfahrtseffekte, Carbon Leakage (Emissionsanstieg im Ausland durch Emissionsvermeidung in der EU) und Veränderungen der Terms of Trade (Handelsbedingungen) auf der Makroebene sowie Produktion, Investitionen, Emissionen und Wettbewerbsfähigkeit auf der Sektorebene.

Zu diesem Zweck erweitern wir in dieser Studie das Allgemeine Gleichgewichtsmodell (Computable General Equilibrium, CGE, Model) PACE (Policy Analysis based on Computable Equilibrium), das am ZEW Mannheim entwickelt und vielfach erfolgreich eingesetzt wurde. Die verwendete Modellversion verbindet eine hohe sektorale Auflösung (besser als GTAP 7, Global Trade Analysis Project) mit einer technologiebasierten Darstellung des Elektrizitätssektors. Der Zeithorizont des Modells wurde für diese Studie von 2020 auf 2050 erweitert. Die bestehende EU-Klimapolitik bis 2020 und die Kopenhagenziele für 2020 sind dabei im Referenzszenario implementiert. Wir untersuchen in unseren Modellsimulationen sechs Politikszenarien, welche die Dekarbonisierungsstragie umsetzen, mit dem Referenzszenario.

Die Simulation des Szenarios mit fragmentierter Klimapolitik ("EU-Alleingang") liefert die folgenden Ergebnisse: Die Kosten der Dekarbonisierungsstrategie für die EU-27 können bis 2020 unter 0.3% und bis 2035 unter 2% des Konsumwerts liegen. Sie könnten danach auf 3% steigen und gegen 2050 weiter ansteigen, falls keine bahnbrechenden Technologien zum Einsatz kommen. Die Rate des internationalen Carbon Leakage beträgt circa 20%. Dies wird hauptsächlich dadurch verursacht, dass der Ölpreis aufgrund der EU-Klimapolitik sinkt, so dass andernorts mehr Öl verbraucht wird. Des Weiteren unterscheiden sich die Produktionseinbußen der EU-Industriesektoren deutlich (-15% bis +1% in 2040).

Die Simulationen der anderen Szenarien zeigen auf der Makroebene, dass sich eine weitreichende zukünftige Nutzung des CDM (Clean Development Mechanism) klar positiv auf die EU auswirkt und die zusätzlichen Kosten der Dekarbonisierungsstrategie sogar wettgemacht werden könnten. Allerdings löst CDM nicht das Klimaproblem, da lediglich die Emissionsvermeidungen dorthin verlagert werden, wo sie billiger zu erreichen sind. Eine über 2027 hinausgehende freie Vergabe von Emissionsrechten an bestimmte energieintensive EU-Produzenten würde dagegen die gesamtwirtschaftlichen Kosten leicht erhöhen. Globale Klimapolitik würde die Terms of Trade für die EU verbessern. Ohne internationalen Emissionshandel wäre die Kostenreduktion für die EU jedoch gering. Die Erweiterung des Emissionshandels auf alle EU-Sektoren sowie die Einführung von internationalem Emissionshandel führen im Rahmen der globalen Klimapolitik zu deutlichen Kostenreduktionen. Erst gegen 2050 würde der internationale CO2-Preis durch die weltweiten ambitionierten Klimaziele ansteigen, so dass die EU nicht mehr die zusätzlichen Kosten der Dekarbonisierungsstrategie durch den Zukauf billiger Zertifikate vermeiden kann.

Auf sektoraler Ebene würde CDM allen EU-Sektoren zugutekommen. Die freie Vergabe von Emissionsrechten über 2027 hinaus käme den meisten Sektoren im EU-Emissionshandelssystem zugute. Globale Klimapolitik ohne internationalen Emissionshandel würde sich jedoch unterschiedlich auf die EU-Sektoren auswirken. Die Angleichung des CO2-Preises über alle Sektoren und Länder käme den meisten EU-Sektoren zugute. Die durch die Dekarbonisierungsstrategie hervorgerufenen Veränderungen von Investitionen, Emissionen und der Wettbewerbsfähigkeit würden sich noch stärker zwischen den EU-Sektoren unterscheiden als die Produktionsveränderungen.

Wir schlussfolgern, dass eine erfolgreiche Umsetzung der Dekarbonisierungsstrategie bis 2050 eine geschickte, gemeinsame Berücksichtigung von Technologieoptionen (Energieeffizienz und Dekarbonisierung), Politikdesign und sektoralen Charakteristika erfordert. Dabei spielt das Politikdesign (das heißt die Art und Weise, wie ein bestimmtes Klimaziel umgesetzt wird) eine entscheidende Rolle dafür, dass Kostenersparnisse auf EU-Ebene und weiter auf sektoraler Ebene verwirklicht werden können. Da die sektoralen Effekte stark unterschiedlich ausfallen, erscheint es sinnvoll, stärker als bisher über sektorale Auswirkungen von Klimapolitik und sektorale Maßnahmen zu deren Umsetzung nachzudenken. Globale Klimaschutzmaßnahmen erscheinen letztendlich notwendig, um ambitionierte Klimaziele zu erreichen. CDM könnte darüber hinaus im Hinblick auf (kleinere) Länder, die nicht offiziell an der globalen Klimapolitik teilnehmen, zu Kostenreduktionen führen.

Schlagworte

EU, Decarbonisation Roadmap, Copenhagen Pledges, post Kyoto, energy-intensive sectors, competitiveness, leakage