Wissen ist ein zentraler Wachstumsmotor in modernen Volkswirtschaften. Häufig entsteht Wissen analog zu Sachkapital: In der Gegenwart werden Investitionen getätigt, von denen man sich nicht nur im gleichen Jahr sondern auch in zukünftigen Jahren Erträge erhofft. Die Investitionswirkungen von Wissensbildung haben Ökonomen schon lange beschäftigt, aber erst in jüngster Zeit hat man versucht, immaterielles Kapital systematisch in einem Rahmen zu untersuchen, der in die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) integrierbar ist. Dabei umfassen Investitionen in immaterielles Kapital Ausgaben für wissenschaftliche Forschung und Entwicklung, firmengebundenes Humankapital, Ausgaben für Produktentwicklungen im Finanzsektor, neuartige architektonische und konstruktive Entwürfe, Ausgaben für Marktforschung, Ausgaben für markenbildende Werbung und firmeneigenes sowie zugekauftes Organisationskapital. Im Gegensatz zu den Investitionen in Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) und Nicht-IKT Investitionen (Maschinen, Transportmittel usw.), sind die zuvor genannten Komponenten des immateriellen Kapitals gegenwärtig nicht in der VGR enthalten. Ab 2014 werden zumindest die Ausgaben für Forschung und Entwicklung berücksichtigt.

Aus mehreren internationalen Projekten sind in den letzten Jahren harmonisierte Berechnungen für immaterielles Kapital auf gesamtwirtschaftlicher Ebene der EU-Länder hervorgegangen, die auf der INTAN-Invest Plattform öffentlich verfügbar sind. Wir nutzen die INTAN-Invest Plattform als Ausgangsbasis, um erstmals sektorale Daten zu immateriellem Kapital für 10 europäische Länder zu berechnen. Die Daten liegen für 11 Sektoren über den Zeitraum von 1995 bis 2007 vor. Mit den gegenwärtig möglichen Messungen ergibt sich, dass das Verhältnis von immateriellem Kapital zur Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe tendenziell höher als im Dienstleistungssektor ausfällt.

Zur Bestimmung der Produktivitätseffekte von immateriellem Kapital verwenden wir zwei unterschiedliche methodische Ansätze. Das Growth Accounting ("Wachstumsbuchhaltung") zeigt, dass immaterielles Kapital insbesondere im Verarbeitenden Gewerbe und im Kredit- und Versicherungsgewerbe produktivitätssteigernd wirkt. Ersteres lässt sich insbesondere durch die hohen Ausgaben für wissenschaftliche Forschung und Entwicklung im Verarbeitenden Gewerbe erklären. Im europäischen Vergleich zeigen sich dennoch gewisse Unterschiede. So hat immaterielles Kapital im Vereinigten Königreich (UK) auch im Bereich der Unternehmensdienstleistungen einen starken positiven Einfluss auf das Wachstum der Arbeitsproduktivität. Ökonometrische Analysen heben die Annahme des Growth Accounting auf, dass sich die Produktivität von Kapital im Kapitalertrag widerspiegelt. Aus dieser Analyse ergeben sich Werte für die Outputelastizität von immateriellem Kapital zwischen 0,1 und 0,2. Die Outputelastizität gibt dabei an, um wie viel Prozent der Output steigt, wenn sich das immaterielle Kapital um ein Prozent erhöht. Die Werte liegen generell über der Faktorentlohnung für immaterielles Kapital. Dies gilt gemeinhin als Hinweis auf mögliche ungemessene Komplementaritäten (z.B. mit IKT) oder Spillovers. Die Effekte fallen aber erheblich geringer aus als die Ergebnisse aus früheren Studien nahelegen, die ausschließlich auf gesamtwirtschaftlichen Daten beruhen.

Schlagworte

Intangible Assets, Labor Productivity, Growth Accounting, Panel Regressions