Die Verhaltensökonomie hat in den vergangenen Jahren bemerkenswerte Erkenntnisse hervorgebracht, die vielfach in Kontrast zu den klassischen Verhaltensannahmen der Wirtschaftswissenschaften stehen. So haben Experimente – sowohl im Labor als auch im Feld – gezeigt, dass es nicht adäquat ist, dieses Handeln mit den üblichen (neo-)klassischen Ansätzen einer simplen Nutzenmaximierung zu beschreiben. Beachtenswerte Erkenntnisse im Hinblick auf die Anreize und Motivation menschlichen Handelns sind unter anderem, dass Menschen die Gegenwart stärker als die Zukunft gewichten und mehr unter Verlusten leiden, als sie sich über Gewinne gleicher Größe freuen. Weiterhin haben Menschen offenbar eine deutliche Abneigung gegenüber Ungleichheit, verschenken Geld an Fremde und lassen sich durch nicht monetäre Anreize motivieren. Ein ökonomisch wichtiges Handlungs(um)feld wurde von der Verhaltensökonomie bislang jedoch kaum untersucht: es gibt bislang so gut wie keine Studien über wirksame Anreize und Motivationsstrategien im Bildungssystem und den darin lernenden Schülern. Die vorliegende Studie füllt diese Lücke. Mit etwa 6500 Grundschülern und Schülern weiterführender Schulen aus Chicago wurden verschiedene Feldexperimente durchgeführt, um Verhaltensprinzipien dieser speziellen Bevölkerungsgruppe nachzugehen. Die Schüler wurden dabei unmittelbar vor einem standardisierten, computerbasierten Test, an dem sie drei Mal jährlich teilnehmen, mit individuell verschiedenen Leistungsanreizen konfrontiert. Die gesetzten Anreize, sich gegenüber den bisherigen eigenen Testergebnissen zu verbessern, waren monetärer oder auch nicht monetärer Natur. Weiterhin wurden die Belohnungen entweder direkt oder mit einer einmonatigen Verspätung ausgegeben. Schließlich wurden einige der Anreize in Form von Verlusten gestaltet. Dabei erhielten die Schüler zwar im Voraus eine Belohnung, jedoch verbunden mit der Information, dass diese wieder weggenommen werde, sofern sich ihre Leistung nicht verbessere. Die im Feld beobachteten Leistungsveränderungen zeigen, dass Anreize auch für Schüler von Bedeutung sind. Monetäre Anreize sind leistungsfördernd, sofern sie groß genug sind. Zudem stellen wir bei jüngeren Schülern fest, dass Belohnungen nicht monetärer Art – in unserem Fall Pokale – einen bedeutend größeren Effekt haben als Zahlungen von entweder 10$ oder 20$. Darüber hinaus sind nur unmittelbare Anreize wirksam. Bereits eine Verzögerung der Belohnung um einen Monat führt zu keiner Motivationssteigerung. Die Ergebnisse entkräftigen die häufig geäußerte Befürchtung, wonach monetäre Anreize die Motivation von Kindern senken, sobald keine Belohnung mehr in Aussicht steht. Außerdem scheinen im heutigen Bildungssystem angesichts der Tatsache, dass die größten Bildungserträge erst mit einer Verspätung von Monaten (oder gar Jahren) anfallen, adäquate Anreizsysteme, die effektiv zu besseren Leistungen anregen können, bislang zu fehlen.

Levitt, Steven D., John A. List, Susanne Neckermann und Sally Sadoff (2012), The Behavioralist Goes to School: Leveraging Behavioral Economics to Improve Educational Performance, ZEW Discussion Paper No. 12-038, Mannheim. Download

Autoren

Levitt, Steven D.
List, John A.
Neckermann, Susanne
Sadoff, Sally

Schlagworte

Educational economics, behavioral economics, field experiment