Wir nutzen Daten aus einer Umfrage unter baden-württembergischen Bürgermeistern um die "reale" räumliche Struktur des lokalen Steuerwettbewerbs zu untersuchen. Die Größe und vor allem die ökonomische Funktion der Städte und Gemeinden stellen sich als wichtige Determinanten der Wahrnehmung des Wettbewerbsdrucks durch die Entscheidungsträger heraus. Vor allem Befragte aus urbanen Zentren nehmen eine wesentlich höhere Intensität des Wettbewerbs um Firmenansiedlungen mit Kommunen in größerer Entfernung oder im Ausland wahr. Unsere Befunde bestätigen zwar die Annahme der empirischen Literatur hinsichtlich der Relevanz von Nachbarschaftswettbewerb, sie zeigen aber auch, dass ein wichtiger Faktor ignoriert wird. Zudem steht die Annahme, dass Wettbewerb nur zwischen Nachbarn stattfindet, im Widerspruch zu theoretischen Arbeiten, in denen alle Gebietskörperschaften miteinander im Wettbewerb stehen. Diese Standardmodelle sind jedoch nicht in der Lage, die empirischen Besonderheiten des lokalen Wettbewerbs zu erklären.

Diese Befunde motivieren unser sequentielles Steuerwettbewerbsmodell, das eine komplexe Wettbewerbsstruktur berücksichtigt. Wir unterstellen im Wesentlichen zahlreiche Metropolregionen, die jeweils aus einer Stadt und einer Anzahl an umgebenden (ländlichen) Gemeinden bestehen. Das Modell umfasst zwei Ebenen des Wettbewerbs um Kapital: Erst konkurrieren Städte simultan miteinander über ihre Steuerpolitik (dies kann als Wettbewerb um große Investitionen, wie Unternehmenszentralen, angesehen werden). Danach konkurrieren ländliche Gebiete um den Kapitalstock ihrer Region (dies entspricht dem Nachbarschaftswettbewerb).

Uns interessiert vor allem der Effekt einer Erhöhung der Anzahl an Metropolregionen auf die Steuersetzung; dies entspricht einer Verschärfung des externen Wettbewerbs, etwa durch die Globalisierung, Osterweiterung der EU oder die deutsche Wiedervereinigung. Es zeigt sich, dass – wie im Standardmodell – die Kapitalsteuern der Städte gegen Null konvergieren; sie bleiben jedoch positiv für das Umland. Zudem sind die Städte stärker von einer Verschärfung des externen Wettbewerbs betroffen, da sie ihre Kapitalsteuern mehr absenken und stärker auf die Besteuerung des immobilen Faktors Arbeit zurückgreifen müssen. Im Gegensatz zur bestehenden Literatur implizieren unsere Ergebnisse, dass größere Gebietskörperschaften nicht notwendigerweise stärker auf Kapitalbesteuerung zurückgreifen, falls sie sich einem starkem Wettbewerb mit weiter entfernten Wettbewerbern ausgesetzt sehen. Abschließend zeigen wir, dass zahlreiche der Vorhersagen des Modells mit der Entwicklung der Steuersätze in Baden-Württemberg in den letzten 20 Jahren in Einklang stehen.

Schlagworte

local tax competition, survey, intensity of competition, asymmetric tax competition