Sowohl in der politischen als auch in der akademischen Diskussion besteht weiterhin Uneinigkeit über die Frage, ob die eigentumsrechtliche Entflechtung oder der nicht- diskriminierende Netzzugang geeigneter ist, um Wettbewerb zu intensivieren. Während der nicht-diskriminierende Netzzugang weichere Formen der Entflechtung wie die informationelle, organisatorische und rechtliche Entflechtung umfasst, stellt die eigentumsrechtliche Entflechtung die Extremform dar. Zum einen besteht ein allgemeiner Konsens über die generelle Vorteilhaftigkeit des nicht-diskriminierenden Netzzugangs. Bezüglich der eigentumsrechtlichen Entflechtung besteht unter Ökonomen hingegen noch weitgehend Uneinigkeit. Aus der Theorie abgeleitete Wirkungen sind a priori nicht eindeutig, weil Restrukturierungskosten entstehen bevor der intensivere Wettbewerb Preise senken kann. Im Gegensatz hierzu können Regime nicht-diskriminierenden Netzzugangs Restrukturierungskosten einsparen, aber Effizienzpotentiale unausgeschöpft lassen. Eine empirische Untersuchung dieser gegenläufigen Effekte scheint deshalb hilfreich bei der Beantwortung der Frage, ob weichere Maßnahmen wie die rechtliche Entflechtung ausreichen, um effizientes Verhalten in potentiell wettbewerblichen Bereichen zu ermöglichen.

In diesem Artikel wird die relative Vorteilhaftigkeit der beiden politischen Maßnahmen in statischen und dynamischen Modellen untersucht. In vorherigen Studien wurden bereits statische Ansätze genutzt, um die Auswirkungen auf Effizienz, Preise und Verteilung zu analysieren. Anpassungsprozesse im Nachgang zu Reformen finden jedoch oftmals langsam statt oder führen zu gegenteiligen Effekten. Die Effektivität von Reformen ist aus diesem Grund oftmals schwer messbar. Ein bekanntes Beispiel für einen solchen Anpassungsprozess ist die Restrukturierung des Stromsektors in Großbritannien. Erst nach mehrmaligem Nachbessern der Reformen hat ein effizienter Wettbewerb eingesetzt (vgl. Newbery and Pollitt (1997)). Vor diesem Hintergrund verspricht die Untersuchung in einem dynamischen Modellrahmen mit Lagstruktur weitergehende Einsichten.

Für die empirische Analyse ist der südamerikanische Kontinent ein geeignetes Studienobjekt. Viele südamerikanische Länder haben während der letzten zwei Jahrzehnte Reformen durchgeführt und sind dabei verschiedenen Ansätzen gefolgt. Oft wurde eine geringe Geschwindigkeit bei der Verabschiedung von Reformen gewählt, sodass einzelne Reformen separat analysiert werden können. Weiterhin sind sowohl Haushaltskunden- als auch Industriepreise verfügbar. Dies ermöglicht den Vergleich mehr oder weniger preissensitiver Kunden sowie die Untersuchung von Verteilungswirkungen. Insbesondere die negativen kurzfristigen Wirkungen der eigentumsrechtlichen Entflechtung werden durch die anschließenden positiven Auswirkungen ungefähr aufgewogen. Der nicht-diskriminierende Netzzugang hingegen erlaubt ähnliche Vorteile, ohne jedoch im gleichen Umfang teure Restrukturierungskosten tragen zu müssen. Bisher verwendete statische Modelle scheinen deshalb an Verzerrungen aufgrund nicht im Modell enthaltener Variablen oder Endogenitätsproblemen statischer, nicht-differenzierter Modelle zu leiden.

Schlagworte

(de)regulation, dynamic panel data analysis, electricity markets, market organization, unbundling, non-discriminatory (third party) access