Im Rahmen des Leibniz Netzwerks "Nichtkognitive Fähigkeiten: Erwerb und ökonomische Konsequenzen" haben Bildungsforscher des ZEW in Kooperation mit dem Zentralinstitut für seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim die Bedeutung der organischen und psychosozialen Geburtsbedingungen für den schulischen Erfolg untersucht. Als Datengrundlage dient die Mannheimer Risikokinderstudie, eine Längsschnittstudie zur Erforschung der Auswirkungen von Geburtsrisiken im Lebenslauf. Diese Untersuchung umfasst 384 erstgeborene Kinder mit deutsch sprechenden Eltern in der Rhein-Neckar-Metropolregion. Die Kinder wurden bei der Geburt nach der Schwere organischer und psychosozialer Risiken ausgewählt. Zu den organischen Risiken zählen unter anderem Geburtskomplikationen, Frühgeburten und (sehr) niedriges Geburtsgewicht. Zu den psychosozialen Risiken zählen unter anderem frühe Elternschaft, mangelnde Bildung der Eltern, sowie (erhebliche) Dissonanzen zwischen den Eltern. Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen, dass die Risken bei der Geburt mit über den Schulerfolg bestimmen. Während 75 Prozent der Kinder, die ohne organische und psychosoziale Risiken bei der Geburt aufwachsen konnten, ein Gymnasium besuchen, trifft das nur für 15 Prozent der Kinder zu, die mit deutlichen Risiken aufgewachsen sind. Bei den Schulnoten in der Grundschule im Alter von acht Jahren haben die Wissenschaftler Unterschiede bis zu einer ganzen Note gefunden. Dabei zeigte sich, dass die psychosozialen Risiken für deutlich schlechtere Schulnoten verantwortlich sind, als die organischen. Neben den Risiken, die bei der Geburt vorhanden sind, spielt für die Ungleichheit von Fähigkeiten und Bildungschancen die Qualität der elterlichen Fürsorge im Vorschulalter eine wichtige Rolle. In diesem Alter werden die grundlegenden kognitiven Kompetenzen, darunter die Gedächtnisleistung, die Informationsverarbeitung und die logischen Fähigkeiten ausgebildet, die den Erfolg in der Schule befördern. Die Bildung dieser Fähigkeiten wird von der Qualität der elterlichen Fürsorge begünstigt. Im Schulalter wiederum kann fehlendes Geld den Übergang ins Gymnasium behindern. Im Schulalter hat eine niedrige Qualität der elterlichen Fürsorge zudem eine Abnahme nichtkognitiver Fähigkeiten zur Folge. Familiär benachteiligten Kindern fällt es vielfach schwerer, ihre Ziele zu verfolgen und sich dabei nicht ablenken zu lassen. Dies erschwert den Schulerfolg und die Bildungskarriere. Aus ökonomischer Sicht legen die Ergebnisse der modernen Humankapitalforschung die Schlussfolgerung nahe, dass die Architektur des Bildungssystems in Deutschland eine neue Statik benötigt. Versäumnisse beim Aufbau der grundlegenden Fähigkeiten in der frühen Kindheit können später vielfach nur mit einem erheblichen Aufwand korrigiert werden. Deshalb müssen die öffentlichen Bildungsanstrengungen für benachteiligte Kinder, die bereits in jungen Jahren erheblichen Risikofaktoren ausgesetzt sind, früher als bisher ansetzen.

Blomeyer, Dorothea, Katja Coneus, Manfred Laucht und Friedhelm Pfeiffer (2008), Initial Risk Matrix, Home Resources, Ability Development and Children's Achievement, ZEW Discussion Paper No. 08-100, Mannheim. Download

Autoren

Blomeyer, Dorothea
Coneus, Katja
Laucht, Manfred
Pfeiffer, Friedhelm

Schlagworte

Initial Conditions, Home Resources, Intelligence, Persistence, Social Competencies, School Achievement.