Wechselkurse gehören zu den wichtigsten Preisen in offenen Volkswirtschaften. Trotz ihrer besonderen Bedeutung für viele Unternehmen ist bemerkenswert wenig darüber bekannt, welche ökonomischen Einflussfaktoren das Auf- und Ab der Wechselkurse über mittlere Fristen letztlich erklären. Zwar treffen theoretische Makromodelle durchaus Aussagen über mögliche Determinanten von Wechselkursen; allerdings weisen empirische Arbeiten seit etwa Mitte der 1980er Jahre nach, dass diese Modelle keine besseren mittelfristige Vorhersagen für Wechselkurse treffen können als Zufallsprognosen. Aus diesem empirischen Befund ist vielfach gefolgert worden, dass ein Zusammenhang zwischen Wechselkursen und Fundamentalwerten auf mittlere Sicht nicht bestehe. Alternativ könnte aber auch die Komplexität von Währungsmärkten (u.a. mit heterogenen Marktteilnehmern oder zeitvariablen Einflussgrößen) einen möglicherweise vorhandenen Zusammenhang zwischen volkswirtschaftlichen Fundamentalgrößen verdecken. In der vorliegenden Studie untersuchen wir deswegen mit einem indirekten Ansatz, ob Wechselkurse auf Grundlage von Fundamentalwerten gebildet werden. Die besondere Idee unserer Studie besteht darin, Individualprognosen zu betrachten, ohne Annahmen über die makroökonomischen Modelle einzelner Prognostiker zu treffen. Stattdessen beurteilen wir die individuellen Prognosen ausschließlich im Hinblick auf ihre Vorhersagefähigkeit. Wir unterstellen, dass gute Wechselkursprognosen im Durchschnitt auf besserer Information beruhen, und untersuchen, ob diese Information makroökonomischer Natur ist. Dazu betrachten wir die Vorhersagekraft individueller Prognosen für den USD/EUR Wechselkurs und für kurzfristige Zinsen im Zusammenhang. Wir interpretieren den signifikant positiven Zusammenhang zwischen guten Wechselkursprognosen (auf einem Ein-Monats-Horizont) und guten Zinsprognosen als ein starkes Indiz dafür, dass Wechselkursprognosen von einer besseren Interpretation makroökonomischer Gegebenheiten profitieren. Dies setzt voraus, dass ein grundlegender Zusammenhang zwischen Wechselkursen und makroökonomischen Variablen besteht. Wenn dieser Zusammenhang besteht, dann sollte er allerdings in unterschiedlichen Marktphasen von unterschiedlich ausgeprägter Bedeutung sein. Unsere weitergehende Untersuchung legt in der Tat nahe, dass ein Zusammenhang zwischen Wechselkursen und Zinsen insbesondere dann eine Rolle spielt, wenn fundamentale Ungleichgewichte zwischen den jeweiligen Ländern offenkundig erscheinen. Dies ist der Fall, wenn sich Wechselkurse relativ stark von ihren Fundamentalwerten (auf Grundlage der Kaufkraftparität) unterscheiden, wenn die Zinsdifferenzen zwischen den beiden Währungen ausgeprägt sind, und wenn die Wechselkurse gerade nicht starken Trends unterliegen. Diese Variabilität der Bedeutung fundamentaler Einflussgrößen könnte die Schwierigkeiten existierender Studien erklären, den Zusammenhang zwischen Fundamentalgrößen und Wechselkursen aufzuzeigen.

Dick, Christian, Ronald MacDonald und Lukas Menkhoff (2011), Individual Exchange Rate Forecasts and Expected Fundamentals, ZEW Discussion Paper No. 11-062, Mannheim. Download

Autoren

Dick, Christian
MacDonald, Ronald
Menkhoff, Lukas

Schlagworte

Exchange Rate Determination, Individual Expectations, Macroeconomic Fundamentals