Die vorliegende Untersuchung befasst sich mit den Wechselkurserwartungen von "Chartisten" und "Fundamentalisten" im Vergleich. Als "Chartisten" bezeichnet man allgemein Finanzmarktakteure, die aus dem vergangenen Preisverlauf ihres Anlageobjektes (hier: einer Währung) Rückschlüsse für ihre Handelsentscheidungen oder Prognosen ziehen. Als "Fundamentalisten" versteht man hingegen Finanzmarktakteure, die Handelsentscheidungen oder Prognosen auf ökonomische Modelle stützen.

Eine Reihe von Studien belegt die Präsenz von Chartisten und Fundamentalisten auf Währungsmärkten empirisch. Auch die Erwartungsbildung von Wechselkursprognosen als solche ist in der Vergangenheit verschiedentlich in der Literatur untersucht worden. Unser Beitrag geht über die bisherigen Studien hinaus, indem er die beiden genannten Literaturstränge erstmals explizit verknüpft: Wie genau formen professionelle Analysten, die sich aufgrund ihrer eigenen Angaben als Chartisten bzw. Fundamentalisten einordnen lassen, jeweils ihre Wechselkurserwartungen?

Wir gliedern unsere Untersuchung in drei Teile. In einem ersten Schritt untersuchen wir das Vorhersageverhalten von Chartisten und Fundamentalisten. Modelle mit Chartisten und Fundamentalisten treffen häufig spezifische Annahmen über diese Gruppen. Unsere Untersuchung kann dazu beitragen, diese Annahmen zu überprüfen. In einem zweiten Schritt modellieren wir die Vorhersagedynamik durch den Wechsel zwischen unterschiedlichen Prognosestrategien, und überprüfen, welche Faktoren den Wechsel begünstigen. In einem dritten Schritt untersuchen wir die Vorhersagequalität von Chartisten und Fundamentalisten. Theoretische Modelle mit Chartisten und Fundamentalisten unterstellen, dass Chartisten nicht (wie es in effizienten Märkten zu erwarten wäre) systematisch schlechter abschneiden als Fundamentalisten. Wir untersuchen deswegen, ob die Erwartungen von Chartisten gleichermaßen wie die von Fundamentalisten als Grundlage für profitable Handelsstrategien verwendet werden können.

Um dieser Fragestellung nachzugehen, verknüpfen wir zwei Datensätze: Zum einen verfügen wir über einen Mikrodatensatz mit monatlichen USD/EUR‐Prognosen von professionellen Analysten seit Einführung des Euro. Zum anderen liegt uns für knapp 400 dieser Analysten eine Information darüber vor, wie stark sie -nach Selbsteinschätzung- Fundamentalanalyse bzw. Chartanalyse für ihre Wechselkursprognosen verwenden. Beide Datensätze zusammen erlauben es somit, die Selbsteinschätzung der Analysten und ihre tatsächlichen Prognosen im Kontext zu untersuchen. Insgesamt betrachten wir ein Panel von mehr als 30.000 Beobachtungen über 153 Monate.

Unsere Ergebnisse bestätigen wesentliche Annahmen, die in Chartisten‐Fundamentalisten‐Modellen gemacht werden: Chartisten folgen häufiger Trends als Fundamentalisten und ändern häufiger die Richtung ihrer Vorhersage. Gleichwohl gibt es starke Einflussgrößen, die die Erwartungen beider Gruppen verändern, wie etwa starke Abweichungen vom langfristigen Fundamentalwert. Auch die "Erfahrung" eines starken Trends in der Vergangenheit führt zu einer größeren Neigung aller Prognostiker, ihre Vorhersagen am Trend zu orientieren. Nicht zuletzt ist festzuhalten, dass die Qualität der Prognosen von Chartisten nicht schlechter ist als die von Fundamentalisten; auf kurze Horizonte erscheinen die Prognosen von Chartisten sogar denen von Fundamentalisten überlegen.

Schlagworte

exchange rate formation, expectation formation, heterogeneous agent models, forecasting performance