Gemäß der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) muss jedem Geschädigten ein Anspruch auf Ersatz des Schadens eingeräumt werden, der ihm durch einen Wettbewerbsverstoß entsteht. Trotz dieser klaren Vorgaben des EuGH wird das aktuell bestehende System der privatrechtlichen Durchsetzung des Kartellrechts oftmals als ineffektiv bezeichnet; unter anderem weil vielen geschädigten Parteien eine entsprechende Kompensation verwehrt bleibt (siehe Europäische Kommission, 2011).

Seit dem Jahr 2004 hat die Europäische Kommission eine Reihe von Schritten unternommen, einen rechtlichen Rahmen zu entwickeln, der es durch Wettbewerbsverstöße geschädigten Parteien erlaubt, eine entsprechende Kompensation zu erhalten. So veröffentlichte die Kommission beispielsweise im Jahr 2005 ein Grünbuch zur privatrechtlichen Durchsetzung des Kartellrechts, in dem sie insbesondere die vielfältigen Probleme einer Quantifizierung des entstehenden Schadens als eine große Hürde in der Umsetzung identifizierte. Im sich anschließenden Weißbuch, das im Jahre 2008 veröffentlicht wurde, kündigte die Kommission dann die Entwicklung von umfassenden, aber unverbindlichen Richtlinien zur Schadensermittlung an. Ein erster Entwurf dieser Richtlinien wurde im Juni 2011 publiziert.

Obwohl die aktuell stattfindende öffentliche wie wissenschaftliche Diskussion der verschiedenen Methoden und Modelle der Schadensermittlung ein wichtiger und notwendiger Schritt zur Stärkung der privatrechtlichen Durchsetzung des Kartellrechts ist, kommt die Würdigung der Herausforderungen einer praktischen Umsetzung der entsprechenden Methoden oftmals zu kurz. Vor diesem Hintergrund verwenden wir einen einmaligen Datensatz, bestehend aus ungefähr 340.000 Rechnungspositionen von 36 größeren und kleineren Kunden deutscher Zementproduzenten, zur Untersuchung des Wertes solcher Transaktionsdaten für die Abschätzung von Kartellschäden. Im Besonderen untersuchen wir zum einen, wie Strukturbruchanalysen bei der Identifikation des exakten Endes der Kartellabsprache helfen können. Zum anderen betrachten wir, wie eine Anwendung des zeitlichen Vergleichsmarktkonzepts zur Abschätzung der Kartellschadenshöhe von solch reichhaltigen Datensätzen profitieren kann. Wir stellen abschließend fest, dass Transaktionsdaten eine sehr viel detaillierte Untersuchung des Kartells und seines Einflusses auf die direkten Kunden erlauben, sodass sie regelmäßig in privatrechtlichen Verfahren zum Einsatz kommen sollten, solange die Datensammel- und -aufbereitungstätigkeiten nicht prohibitiv hohe Kosten verursachen.

Hüschelrath, Kai, Kathrin Müller und Tobias Veith (2012), Estimating Damages from Price-Fixing - The Value of Transaction Data, ZEW Discussion Paper No. 12-036, Mannheim. Download