Nirgends sonst im ökonomischen Handeln fallen Kosten und Nutzen im Zeitablauf und aufgeteilt nach Investoren und Nutznießern so eklatant auseinander wie bei Bildungsinvestitionen. Ein bedeutender Teil der für die Entwicklung von Fähigkeiten relevanten Investitionen wird mit Beginn der Empfängnis bis ins Schulalter getätigt. Ein erheblicher Teil der aus der Entwicklung von Fähigkeiten entstehenden Erträge fällt im Erwachsenenalter an. Die Investoren und diejenigen, die die Erträge erhalten, sind vielfach nicht identisch. Zu Beginn des Lebens sind, außer dem Lernenden selbst, die Eltern entscheidend, ab dem Schulalter kommen Bildungseinrichtungen hinzu. Im Erwachsenenalter profitieren von den Erträgen der Lernende, seine Familie sowie die Gemeinschaft, beispielsweise über höhere Steuern. In dem vorliegenden Beitrag wird argumentiert, dass in der sozialen Realität die Bildungsungleichheit im Vorschulalter eine wichtige Ursache für die Ungleichheit von Fähigkeiten und Kompetenzen auch im Schulalter und im Erwerbsleben ist. In der Kindheit werden in der Interaktion zwischen Kind und Erwachsenem die Kapazitäten aufgebaut (oder nicht aufgebaut), welche eine nachhaltige Voraussetzung für den Schul- und Arbeitsmarkterfolg schaffen. Die Unterschiede in der Verfügbarkeit von adäquaten emotionalen Ressourcen („Bodenfreiheit“, elterliches „Kontingenzverhalten“, …) in der Kindheit entfalten eine prägende Kraft, die im späteren Leben in der sozialen Wirklichkeit kaum mehr aufgeholt werden kann. Im Schulalter kommen finanzielle Restriktionen durch Armut in der Familie noch hinzu. Während beispielsweise 74% der Kinder ein Gymnasium besuchen, die ohne organische und psychosoziale Risiken bei der Geburt aufwachsen konnten, trifft das nur für 15% der Kinder zu, die mit beiden Risiken aufgewachsen sind. Eine um 10% bessere elterliche Fürsorge im Säuglingsalter geht mit einem um 5,5% höheren Entwicklungsstand des Kindes einher. Bis zum Schulalter sinkt dieser Wert bereits auf unter 2%. Trotz Schulpflicht, hohen Bildungsausgaben und hoher Wirtschaftskraft hat demnach die Ungleichheit der elterlichen Fürsorge vor dem Schulalter ihren schicksalhaften Charakter für die Kompetenzentwicklung noch keineswegs verloren. Neben dem erheblichen individuellen Leid, das mit solchem Schicksal verbunden sein kann, entstehen der Gesellschaft dadurch signifikante Kosten, unter anderem im Gesundheits- und Sozialsystem. Medizinische Forschungen deuten beispielsweise darauf hin, dass Vernachlässigung und Gewalt in der Kindheit die Anfälligkeit für Depressionen, aber auch für Infektionskrankheiten im Erwachsenenalter erhöhen. Um dies zu ändern, bleibt es eine vordringliche Aufgabe auch der Bildungspolitik, den Zugang zu einer angemessenen emotionalen Fürsorge von Anfang an weiter zu verbessern. Darüber hinaus ist es notwendig, den betroffenen Kindern bis ins Jugendalter altersgemäß und individuell zur Seite zu stehen. Für Jugendliche und Erwachsene, die während der Kindheit nur unzureichend gefördert wurden, sollten Maßnahmen erforscht werden, die helfen können, vielfältige Benachteiligungen aus der Kindheit im späteren Lebenszyklus zu bewältigen.

Schlagworte

Anfangsbedingungen, Elterliche Fürsorge, Fähigkeiten, Investitionen in Humankapital, Lebenszyklus.