Die Energieversorgung in Deutschland steht inmitten des vielleicht größten Umbruchs ihrer Geschichte. Im Jahr 2012 stammten rund 22 Prozent des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Quellen. Laut dem Energiekonzept der Bundesregierung soll dieser Anteil bis 2050 auf 80 Prozent steigen. Gleichzeitig hat sich die Stromerzeugung in den letzten Jahren kontinuierlich von Süd- nach Norddeutschland verschoben. Dieser Trend wird sich fortsetzten, auch aufgrund des beschlossenen Ausstiegs aus der Kernenergie. Bis 2015 sollen die Kapazitäten von steuerbaren Kraftwerken in Deutschland insgesamt um ein Gigawatt steigen, allerdings südlich von Frankfurt am Main um 5,6 Gigawatt zurückgehen.

Umwälzungen dieser Größenordnung können nur kosteneffizient bewältigt werden, wenn der Markt seine Steuerungsfunktion erfüllen kann. Genau darin liegt das Problem der heutigen Strommarktordnung: Anbieter auf den Elektrizitätsmärkten nehmen Knappheiten nicht wahr und orientieren ihr Verhalten nicht daran.

Erneuerbarer Strom wird über die fixe Einspeisevergütung abgegolten. Wind- und Sonnenenergie wird deshalb immer eingespeist, wenn das Wetter es zulässt. Auch wenn sie gar nicht benötigt wird. Kurzfristig führt dies zu negativen Preisen, auf lange Sicht zu verzerrten Investitionsanreizen. Die Kosten der Stromnetze werden aktuell auf die Abnehmer umgelegt. Dadurch müssen Kraftwerksbetreiber die Transportkosten nicht bei der Standortwahl berücksichtigen und Netzengpässe können allein durch Investitionen in neue Leitungen vermieden werden.

Erneuerbare Energien werden aus gutem Grund gefördert: Sie vermeiden viele Belastungen für Mensch und Natur, die beim Betrieb von konventionellen Kraftwerken entstehen. Zum Beispiel Feinstaubemissionen und andere Luftverschmutzungen, die nicht über das Europäische Emissionshandelssystem reguliert werden. In einer neuen Strommarktordnung sollten sie durch eine Marktprämie gefördert werden. Die Marktprämie ist eine Zahlung, die erneuerbar produzierter Strom zusätzlich zum Börsenstrompreis erhält. Die Marktprämie ist auf doppelte Weise vorteilhaft. Einerseits müssen die Betreiber von Windrädern und Solaranlagen sich an den Marktpreisen orientieren und damit ihre Produktions- und Investitionsentscheidungen daran anpassen, wann und wo Strom knapp ist. Andererseits erhalten sie mit einem festen Betrag pro eingespeister Kilowattstunde eine verlässliche Zahlung, wodurch die Risiken von Investitionen in Erneuerbare kalkulierbar bleiben.

Mittlerweile kommt es immer öfter zu Engpässen beim Stromtransport vom Norden Deutschlands in den Süden, da das Netz nicht an die neue Erzeugungsstruktur angepasst ist. Auch hier sind Knappheitspreise notwendig. Sie zeigen an, wann Elektrizität in einem Teil Deutschlands knapper ist als in anderen. Das kann mit dem sogenannten Market Splitting erreicht werden. In diesem Modell wird das Stromnetz in Marktzonen aufgespalten. Anbieter und Nachfrager können wie bisher an der Strombörse handeln. Reichen die Netzkapazitäten zwischen den Marktzonen nicht aus, um den Strom wie gewünscht zu transportieren, kommt es zu unterschiedlichen Preisen. Damit können die Akteure auf dem Strommarkt regionale Knappheiten in ihren Entscheidungen berücksichtigen. Auch kann aus den Preisunterschieden abgelesen werden, wie dringend neue Leitungen oder weitere Kapazitäten benötigt werden. Der Markt stellt Informationen bereit und koordiniert Investitionen.

Nach der Bundestagswahl im September wird die Reform des Strommarktes eine der größten Herausforderungen der neu gewählten Bundesregierung sein. Sie muss über eine isolierte Anpassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes deutlich hinausgehen. Diese Skizze einer neuen Marktordnung für den Strommarkt kann dazu die Grundlage bilden.

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Strommarkt, Erneuerbare Energien, Marktprämie, Market Splitting