Deutschland weist im internationalen Vergleich eine niedrige Geburtenrate auf. Die Ursachen sind vermutlich sowohl in der Ausgestaltung der institutionellen Rahmenbedingungen (insbesondere fehlenden Kinderbetreuungsplätzen) als auch in den vorherrschenden Geschlechter- und Fertilitätsnormen zu suchen. Da sich beide Gruppen von Einflussfaktoren wechselseitig beeinflussen, ist eine empirische Abschätzung ihrer spezifischen Wirkungen jedoch schwierig.

Um dieser Schwierigkeit zu begegnen, verwendet der vorliegende Artikel einen "epidemiologischen Ansatz", mit dessen Hilfe sich institutionelle und kulturelle Einflüsse so weit wie möglich trennen lassen. Die Analyse konzentriert sich auf Einwanderinnen und dokumentiert, dass eine Prägung durch unterschiedlich hohe Geburtenraten in den Heimatländern auch dann einen Einfluss auf die eigene Kinderzahl hat, wenn die fruchtbaren Jahre in Deutschland, also unter ähnlichen institutionellen Rahmenbedingungen, verbracht werden. Für Deutschland liegt bisher erst eine Studie vor, die sich auf die Einwanderinnen der ersten Generation beschränkt. Der Beitrag dieses Artikels besteht darin, dass aufgrund einer deutlich größeren Datenbasis (verwendet wird der Mikrozensus 2008, eine einprozentige Stichprobe der Haushalte in Deutschland) auch die Einwanderinnen der zweiten Generation in die Analyse eingeschlossen werden können. Es zeigt sich, dass auch hier die Geburtenraten in den Herkunftsländern (in diesem Fall der Eltern) einen Einfluss auf die eigene Kinderzahl haben, was für eine kulturelle Transmission der Geschlechter- und Fertilitätsnormen spricht. Der Einfluss ist jedoch schwächer als in der ersten Generation und fällt noch einmal schwächer aus, wenn die beiden Elternteile aus unterschiedlichen Herkunftsländern stammen oder ein Elternteil in Deutschland geboren wurde.

Methodisch stellt der vorliegende Artikel in dreierlei Hinsicht eine Verbesserung dar: Die große Datenbasis erlaubt es erstens, sich auf Frauen ab 45 Jahren, d.h. mit weitgehend abgeschlossenen Fertilitätsbiografien, zu konzentrieren. Außerdem werden in der ersten Generation nur die Frauen herangezogen, die bis zu einem Alter von 18 Jahren nach Deutschland eingewandert sind, also tatsächlich den Großteil ihrer fruchtbaren Jahre im Zielland verbracht haben. Zweitens ist es möglich, nur Frauen aus dem gleichen Herkunftsland miteinander zu vergleichen. Damit kann dem berechtigten Einwand, dass sich Frauen, die aus Ländern mit unterschiedlich hohen Geburtenraten stammen, auch in weiteren fertilitätsrelevanten Merkmalen unterscheiden, begegnet werden. Drittens werden als Maß für die Fertilität im Herkunftsland nicht nur die periodenspezifische zusammengefasste Geburtenziffer, sondern auch ein Indikator für die Kohortenfertilität und direkte Informationen zu den Fertilitätsnormen herangezogen.

Schlagworte

Immigration; fertility; assimilation; intergenerational transmission; Germany