In den vergangenen Jahren hat die Bedeutung von sogenannten Critical Loss Analysen in der Wettbewerbspolitik deutlich zugenommen - dies gilt sowohl für das wissenschaftliche als auch für das praktische Umfeld. Diese Entwicklung lässt sich beispielsweise ablesen an der Veröffentlichung verschiedener Arbeitspapiere, Diskussionen zwischen Wettbewerbsexperten sowie einer ansteigenden Anzahl an Fallentscheiden - sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa - die auf die Durchführung einer Critical Loss Analyse explizit Bezug nehmen.

Grundsätzlich ist die sogenannte Critical Loss Analyse eine empirische Methode zur Untersuchung der Intensität (angebots- und nachfrageseitiger) wettbewerblicher Interaktion. Unter dem Critical Loss wird dabei diejenige Reduktion der abgesetzten Menge in der Folge einer Preiserhöhung verstanden, die gerade groß genug ist, um diese Preiserhöhung für einen hypothetischen Monopolisten oder die fusionierenden Parteien unprofitabel werden zu lassen. Wenn nun der Actual Loss kleiner als der Critical Loss ist, so würde sich ein Preisanstieg lohnen, andernfalls würde er sich nicht lohnen.

Vor diesem Hintergrund ist es das Ziel dieses Beitrags, die generelle Methode der Critical Loss Analyse zu beschreiben, wichtige charakteristische Elemente des Konzepts zu identifizieren, Unterschiede in der Anwendung des Konzepts bei der Marktabgrenzung und der wettbewerbspolitischen Einschätzung der unilateralen Effekte von horizontalen Unternehmenszusammenschlüssen zu verdeutlichen sowie einige praktische Anwendungen des Konzepts in Wettbewerbsfällen zu diskutieren. Als zentrales Ergebnis kann festgehalten werden, dass eine Anwendung der Critical Loss Analyse keinesfalls so einfach ist wie das überschaubare theoretische Konstrukt vermuten lassen mag. Tatsächlich sollte das Konzept nur mit großer Vorsicht angewandt werden um aussagekräftige Ergebnisse zu gewährleisten. Auf der einen Seite wurde in diesem Zusammenhang gezeigt, dass die Höhe des Critical Loss sowohl von der Berechnungsmethode als auch von den Ausprägungen der jeweiligen Nachfrage- und Kostenfunktionen abhängt. Auf der anderen Seite wurde verdeutlicht, dass der Erfolg einer Critical Loss Analyse steht und fällt mit der Genauigkeit der Abschätzung des sogenannten Actual Loss. Theoretische Diskussionen zwischen Wettbewerbsexperten (skizziert in Abschnitt D.) sowie die Betrachtung zweier praktischer Wettbewerbsfälle (skizziert in Abschnitt E.) zeigen, dass darin oftmals die zentrale Herausforderung in der Anwendung einer Critical Loss Analyse besteht.

Hüschelrath, Kai (2009), Critical Loss Analysis in Market Definition and Merger Control, ZEW Discussion Paper No. 09-083, Mannheim, erschienen in: European Competition Journal. Download

Schlagworte

Antitrust, competition policy, market power, market definition, merger control, unilateral effects