Humankapital hat sich als einer der wichtigsten Standortfaktoren der Industriegesellschaft und erst recht des technologieintensiven und exportorientierten Baden-Württemberg herauskristal-lisiert. Eine unzulängliche Nutzung von Humankapital führt zu einer Minderung der Standort-qualität und bedarf geeigneter Korrekturmaßnahmen.

Dabei sind vier Dimensionen einer unzulänglichen Nutzung zu unterscheiden:

Von der Ausbildungsinadäquanz der Beschäftigung sind rund ein Fünftel der Arbeitnehmer betroffen. Sie kommt gleichermaßen bei Facharbeitern wie bei Hochschulabsolventen vor. Aufgrund der höheren Investitionen in Humankapital ist die Ausbildungsinadäquanz von Hochschulabsolventen mit einem höheren Verlust an Humankapital verbunden. Die Ausbil-dungsinadäquanz von Hochschulabsolventen ist für Berufsanfänger am höchsten. Bei Frauen macht sich zusätzlich eine längere Phase der Erwerbsunterbrechung negativ bemerkbar. Nach Studienabschlüssen aufgegliedert weisen Kultur- und Sozialwissenschaftler die höchste Aus-bildungsinadäquanz auf, am unteren Ende finden sich medizinische Berufe, Architekten, In-genieure und Juristen. Die Breite einer erworbenen Qualifikation - gemessen an der Zahl möglicher Berufsfelder - kann dabei die Chancen auf einen ausbildungsadäquaten Einsatz nicht wesentlich verbessern.

Ein Berufswechsel bringt im allgemeinen eine deutliche Minderung des berufsspezifischen Humankapitals in Form von Berufserfahrung mit sich. So wechseln ältere Arbeitnehmer, die über die größte Berufserfahrung verfügen, nur noch selten ihren Beruf. Eine unterdurch-schnittlich geringe Wechselhäufigkeit läßt sich für Hochschulabsolventen und Meis-ter/Vorarbeiter nachweisen.

Das Ausmaß der unzulänglichen Nutzung von Humankapital ist im Falle der Nichtbeschäfti-gung in Form von Nichterwerbstätigkeit oder Arbeitslosigkeit am größten, da das gesamte Humankapital brachliegt. Außerdem ist hier das nicht genutzte Humankapital einem ver-gleichsweise starken Abwertungsprozeß unterworfen. Phasen der Nichterwerbstätigkeit von qualifizierten Arbeitnehmern treten vermehrt bei Frauen in Zeiten der Kindererziehung und der häuslichen Pflege auf. Die Betreuung von Kindern im Vorschul- oder Grundschulalter mindert die Erwerbsneigung von Frauen. Die Erwerbsquote steigt mit zunehmendem Human-kapital der Frauen. Je höher die Bildungsinvestitionen, desto wahrscheinlicher wird eine Er-werbstätigkeit.

Im Vergleich zur Nichterwerbstätigkeit ist die Arbeitslosigkeit kritischer zu werten. Denn während sich Nichterwerbstätige aus dem Arbeitsmarkt zurückgezogen haben, ist bei Ar-beitslosen die grundsätzliche Bereitschaft zur Arbeitsaufnahme vorhanden. Vor diesem Hin-tergrund gibt der starke Anstieg der Sockel- und Langzeitarbeitslosigkeit Anlaß zur Sorge. Da die Arbeitslosigkeitsdauer gestiegen ist, bereitet immer mehr Arbeitslosen auch der Verlust des Humankapitals während der Arbeitslosigkeit Probleme.

Die geringste Arbeitslosenquote weisen Hochschul- und Fachhochschulabsolventen mit rund 3 bis 3,5% (April 1993) auf. Während die Arbeitslosigkeit unter Akademikern im Durch-schnitt niedrig ist, hat sie in einigen Studienfächern jedoch ein bedenkliches Ausmaß erreicht. Verwaltungswissenschaftler, Juristen, Pharmazeuten und Betriebswirte sind mit unter 2% nur wenig von Arbeitslosigkeit betroffen. Dagegen liegt die Arbeitslosenquote bei Landwirten, Biologen und Sozialarbeitern bei über 6%, bei Politik- und Sozialwissenschaftlern sogar bei rund 11%. Diese Studienfächer liegen auch bei der Ausbildungsinadäquanz am oberen Ende.

19% der Personen ohne Schul- und Berufsabschluß sind arbeitslos. In dieser Gruppe gibt es einen besonders hohen Anteil Langzeitarbeitsloser. Von Langzeitarbeitslosigkeit sind ferner vor allem ältere und Personen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen betroffen.

Zwar liegt die Arbeitslosenquote in Baden-Württemberg seit Jahren um etwa 2% unter dem Bundesdurchschnitt, sie folgt aber dem Bundestrend. Die Partizipationsrate liegt etwa 3% über dem Bundesdurchschnitt. Bei gleichem Befund im Hinblick auf die inadäquate Beschäf-tigung befindet sich Baden-Württemberg daher in einer etwas günstigeren Position als die anderen Bundesländer. Die Ergebnisse der Studie zeigen allerdings die starke Verzahnung des baden-württembergischen mit dem westdeutschen Arbeitsmarkt auf.

Es werden vier Maßnahmen zur Reduktion der unzulänglichen Nutzung von Humankapital vorgeschlagen, die sich am Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft orientieren und die den Zu-sammenhang zwischen Bildungssystem und Arbeitsmarkt betreffen. Die Maßnahmen zielen auf eine Verbesserung der Funktionsweise der einzelnen Märkte für unterschiedlich qualifi-zierte Arbeitskräfte und die zielgruppenorientierte Qualifikation von Benachteiligten ab. Es wird eine stärkere Orientierung der Löhne an den tatsächlichen Knappheitsverhältnissen für die verschiedenen Qualifikationsniveaus vorgeschlagen. Die Anreize zur Aufnahme einer Be-schäftigung sollten verstärkt werden. Ferner wird die Installation eines Informationssystems für Jugendliche vorgeschlagen, um die durch die lange Ausbildungsdauer bedingte Unsicher-heit über die Nachfrage nach beruflichen Qualifikationsstrukturen bei Beginn der Ausbildung zu reduzieren.