Welche Fortschritte macht Europa bei der Finanzmarktintegration? Nachdem die Europäische Kommission 2014 die Bankenunion auf den Weg gebracht hat, ist bis 2019 das Fundament für eine Kapitalmarktunion in Europa geplant, die wiederum den Kapitalbinnenmarkt verwirklichen soll. Die so konstruierte, immer tiefer gehende Integration der Finanzmärkte in Europa zielt darauf ab, das Wirtschaftswachstum zu stabilisieren, um künftige Krisen besser bewältigen zu können. Wie steht es um diese Maßgabe? ZEW-Finanzökonomin Karolin Kirschenmann sieht vor allem Baustellen beim Umgang der Politik mit zahlungsunfähigen Banken sowie bei der Entwicklung von Verbriefungsmärkten in Europa.

Welche Vorteile bieten integrierte Finanzmärkte?

Die Finanz- und Staatsschuldenkrise hat gezeigt, dass es eines institutionellen Rahmens bedarf, um die systemischen Effekte solcher Krisen zu bekämpfen. Dabei sind Banken-, Fiskal- und Kapitalmarktunion drei verschiedene, aber nicht voneinander unabhängige Vorhaben, die alle das Ziel haben, die Euro­zone zu stabilisieren und die wirtschaftliche Entwicklung in den einzelnen Mitgliedsstaaten zu synchronisieren. Ein zentraler Aspekt der Kapitalmarktunion liegt in der Förderung der grenzüberschreitenden Diversifikation. Zum einen sollen auch kleinere und mittlere Unternehmen einen leichteren Zugang zu Alternativen zur Bankfinanzierung erhalten, zum anderen sollen Verbriefungsmärkte gestärkt und damit eine Risikoteilung über Grenzen hinweg erleichtert werden. Länder- oder branchenspezifische Schocks können so leichter absorbiert werden und führen nicht zwangsläufig zu einer systemischen Krise. Ein Beispiel hierfür ist das Platzen der dot.com-Blase, die gerade nicht zu einer großen Wirtschaftskrise geführt hat, da viele Investoren einen jeweils vergleichsweise kleinen Schock erlitten, aber eben auch abfedern konnten.

Braucht es zunächst nicht eine schärfere Bankenregulierung inklusive umfassender Maßnahmen zur Rekapitalisierung der Geldhäuser, damit eine Kapitalmarktunion funktioniert?

Eine Kapitalmarktunion kann nicht losgelöst vom Zustand des Bankensektors funktionieren. Insgesamt hat sich die Eigenkapitalausstattung der europäischen Banken zwar schon deutlich verbessert, aber der Anteil der notleidenden Kredite besonders in den südeuropäischen Ländern ist immer noch enorm hoch. Es mangelt nicht an neuen Regulierungsvorschriften, sondern am politischen Willen in Europa, Banken zu rekapitalisieren oder abzuwickeln. Eine Abwicklung ist in einer akuten Krise schwierig, da dies wiederum negative Auswirkungen auf die Wirtschaft und teils auf die Sparer hätte und eine Bankenpanik nach sich ziehen könnte. In den USA hingegen wurden Banken zu Beginn der Krise vom Staat systematisch rekapitalisiert, was dazu beigetragen hat, dass die Krise in den USA schneller endete. Allerdings darf eine staatliche Rekapitalisierung in Krisen kein Automatismus sein, da dies den Anreiz zu moralischem Risiko, zum Beispiel einer Erhöhung des Risikos, beim Bankmanagement führen könnte.

Wenn die Politik einerseits nicht willens genug ist, der Staat andererseits aber auch nicht automatisch zum Bankenretter wer­den soll, was tun wir dann mit maroden Geldhäusern?

Einer der Bestandteile der Bankenunion ist ein gemeinsamer Abwicklungsmechanismus samt Abwicklungsfonds. Dadurch soll eine geordnete Restrukturierung oder Liquidierung der in Schieflage geratenen Bank gewährleistet werden. Allerdings geht es dabei nicht um eine generelle Rekapitalisierung schwacher Banken mit vielen notleidenden Krediten wie im Falle der USA. Und auch die Glaubwürdigkeit dieser neu geschaffenen Institutionen hat bereits gelitten, nachdem in Italien direkt eine Ausnahmeregelung genutzt wurde, um zwei Regionalbanken mit staatlicher Hilfe abzuwickeln, ohne dass ein sogenannter „Bail-in“ der nachrangi­gen Gläubiger stattfinden wird.

Wie kann die Kapitalmarktunion sichere Anlageklassen garantieren?

Wenn die Verbriefungsmärkte in Europa angekurbelt werden, könnten Banken damit zum Beispiel Teile ihrer Kreditportfolios verbriefen und zu liquiden, handelbaren Wertpapieren mit mehreren Tranchen unterschiedlichen Risikos machen. Dies hätte viele Vorteile. Bankaktiva würden dadurch einen Marktpreis erhalten und Bankbilanzen transparenter werden, Banken könnten ihre Anlagen besser diversifizieren und die Abwicklung einer Bank wäre einfacher durchzuführen. Obwohl hier inzwischen die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen wurden, haben sich solche Märkte bisher nicht nennenswert entwickelt. In einem geplanten Projekt wollen wir uns am ZEW damit beschäftigen, welche Anreize gesetzt werden müssen, um das Ziel vitaler Verbriefungsmärkte zu erreichen. Natürlich dürfen dabei auch nicht die Risiken von Verbriefungen außer Acht gelassen werden, denn eine unregulierte, undurchsichtige Verbriefungs­praxis war einer der Auslöser der Finanzkrise.

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